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NAHER OSTEN
Alfred Hackensberger
Brüchige Allianz

Die einst verfeindeten Kurden in Syrien und im Irak haben sich gegen die Dschihadisten von IS verbündet

Mit Waffenlieferungen wollen Deutschland und Großbritannien die Truppen der autonomen Region Kurdistans (KRG) im Irak im Kampf gegen die mörderische Miliz „Islamischer Staat“ (IS) unterstützen. Die USA hatten schon kurz nach dem Start ihrer Luftangriffe auf IS-Stellungen vor einem Monat begonnen, Gewehre, Munition und Panzerabwehrgranaten zu den Kurden im Irak zu schicken. Nun will US-Präsident Barack Obama die Luftschläge auch auf Syrien ausweiten. Damit verliert IS seine sicheren Rückzugsgebiete und Nachschubwege von Syrien aus in den Irak. „Etwas Besseres konnte uns nicht passieren“, sagte Magdid Harki, Oberst der kurdischen Peschmerga-Truppen. „US-Bomben und Waffen aus Großbritannien und Deutschland. Wir können zufrieden sein.“

Die Kurden sind die neuen Freunde des Westens, obwohl man sie angesichts ihrer Unabhängigkeitsbestrebungen immer misstrauisch beäugt hatte. Eine öffentliche Schelte am geplanten Referendum der KRG-Regierung über einen eigenständigen Staat innerhalb des Iraks hat es nicht gegeben. Die Kurden sollen diesmal die Retter in der Not sein. Nach dem Debakel der USA im Irak will der Westen selbst keine Bodentruppen schicken. Die Kurden sollen die extremistischen Islamisten bekämpfen und dabei die religiösen Minderheiten, die Christen und Jesiden, schützen.

Kampflos aufgegeben Bei so viel Vertrauen wird oft vergessen, dass die Autonome Region Kurdistan nur auf dem Papier eine Demokratie ist. Sie wird vom Familienklan des Präsidenten Masoud Barsani regiert. Presse- und Meinungsfreiheit existieren nur eingeschränkt. Unliebsame Journalisten setzt man unter Druck und sie können auch mal verschwinden. Und das so hochgelobte kurdische Militär? Die Peschmerga sind zersplittert, leiden an mangelnder Koordination und einer klaren Befehlshierarchie. Ihr Einsatzwille für nicht-sunnitisch kurdische Minderheiten ist zögerlich. „Wenn es darauf ankommt, halten sie nicht die Frontlinie“, sagte ein Kurdistan-Experte, der anonym bleiben will.

Die Peschmerga hatten Karakosch, mit 50.000 Einwohnern die größte christliche Stadt der Region, kampflos aufgeben. Auch der Jesidenort Sindschar wurde ohne Widerstand geräumt.

Von solchen „Unterstellungen“ will Oberst Harki jedoch nichts wissen. „Das waren taktisch notwendige Rückzüge“, erklärte er in seinem Zelt in Khazer, einem Peschmerga-Stützpunkt, etwa 45 Kilometer von der Hauptstadt Erbil entfernt. Allerdings behaupten jesidische Flüchtlinge aus Sindschar: „Sie sind doch alle wie die Hasen davon gelaufen. Kaum, dass der IS im Anmarsch war, haben die Peschmerga zusammengepackt.“ Was dem „taktischen Rückzug“ folgte, war ein Blutbad. Über 500 Jesiden wurden brutal ermordet, mehr als 1.500 Frauen als Geiseln verschleppt und auf dem Markt in Mossul als Sklavinnen feilgeboten.

Auch bei der Rettung von zehntausenden Jesiden, die auf den Bergrücken von Sindschar Zuflucht gesucht hatten, ist die Rolle der Peschmerga zweifelhaft. Die Hilfe schien wenig professionell und halbherzig. „Wir haben keine Hilfslieferungen gesehen“, erzählt Said, der mit seine Familie über eine Woche auf dem Berg ausharrte. Auf lokalen Fernsehsendern wurden die Peschmerga als Helden der Befreiung der Jesiden gefeiert. „Alles Blödsinn“, behaupten Said und eine Reihe anderer Flüchtlinge. „Wir sind von der PKK gerettet worden, die einen Fluchtkorridor freimachte.“ Man habe die Flüchtlinge zuerst nach Syrien und dann in den Irak gebracht. Die PKK ist die Miliz der türkischen Kurdischen Arbeiterpartei. Sie kämpft mittlerweile auf breiter Front gemeinsam mit den Peschmerga im Irak. „Wir sind Brüder und haben ein gemeinsames Schicksal“, sagte KRG-Präsident Masud Barsani, der PKK-Kämpfer an der Front besuchte. Was für eine Kehrtwende: Vor der Juni-Invasion des IS im Irak galten die PKK und al-Qaida noch als „Ableger ein und derselben terroristischen Henne“. Von den USA und der EU wird die PKK noch als Terrororganisation gelistet. Angst scheint der Westen keine zu haben, dass die an die Peschmerga gelieferten Waffen womöglich in „falsche Hände“ geraten. Die PKK könnte sie gegen die Türkei einsetzen, mit der man sich drei Jahrzehnte bekriegte. Es gibt zwar Friedensverhandlungen, aber außer einem Waffenstillstand ist dabei nichts Nennenswertes herausgekommen.

Die zweite kurdische Miliz aus dem Ausland, die im Irak kämpft, sind die Volksverteidigungskräfte (YPG) aus Syrien. Sie sind in der Region Sindschar aktiv. Die YPG gelten als Ableger der PKK, wobei sie selbst jedoch immer wieder ihren unabhängigen Status als syrisch-kurdische Bewegung betonen. Seit über einem Jahr stehen sie im Krieg mit IS, der das kurdische Gebiet im Norden Syriens mit aller Gewalt erobern will. Dort werden 60 Prozent des syrischen Erdöls und Gas gefördert, es existiert eine prosperierende Landwirtschaft und das Gebiet grenzt an die Türkei und an den Irak – ein strategisch so wichtiger wie profitabler Standort. Die YPG konnten bisher alle Angriffe des IS erfolgreich abwehren und einige der von den Radikalen besetzten Gebiete zurückgewinnen.

Demokratisches Projekt Kennzeichnend für die Miliz der YPG und ihren politischen Arm, die Demokratische Einheitspartei (YPD), ist der Schutz und die Integration der Minderheiten wie Christen, Jesiden oder Turkmanen. Anfang dieses Jahres wurde ein neues, demokratisches Projekt gestartet und eine Übergangsregierung gebildet. „Wir glauben an ein demokratisches ‚self management‘“, sagte Akram Heso, einer der Präsidenten der neuen Regierung. „Daran partizipieren alle ethnischen und religiösen Gruppen gleichberechtigt.“

Eigentlich ist das ein Idealfall. Wie sehr hatte der Westen händeringend auf derartige Projekte im Nahen Osten gehofft. Aber eine Unterstützung für dieses syrische Projekt blieb aus, obwohl es richtungsweisend für die gesamte Region sein könnte. Ebenso wenig kam es zu einer Militärhilfe für die YPG, die den Extremisten der IS-Terrorgruppe waffentechnisch weit unterlegen sind. Doch selbst in den letzten beiden Monaten, als IS die US-Waffen einsetzte, die sie in Mosul erbeutet hatte, konnten die YPG den Extremisten Paroli bieten. Ihre Nachteile machen sie durch Motivation, Training und eine funktionierende, hierarchische Militärstruktur wett. Die YPG haben außerdem Truppen zu ihren kurdischen Brüdern im Irak entsandt – eine Hilfe, die keineswegs selbstverständlich ist. Noch im April dieses Jahres ließ die KRG-Regierung die Grenzen zum kurdischen Teils Syrien schließen und einen Graben entlang beider Länder ziehen. Gerade für die Zivilbevölkerung, die seit Jahren mit den Mangelerscheinungen eines Krieges leben musste, war es ein Desaster. Die KRG-Regierung rechtfertigte die Grenzschließung damit, man müsse sich gegen die Terroristen der YPG schützen.

Ideologische Gräben Vorerst sind alte Rivalitäten begraben. Die Grenzen sind wieder offen. Der gemeinsame Feind macht es möglich. Allerdings sollte man sich keine Illusionen machen, dass die kurdische Freundschaft in der Zeit nach IS weiter bestehen könnte. Zu groß sind die ideologischen Gräben zwischen den führenden Parteien der KRG, der PKK und den YPG. Eine egalitäre Gesellschaft und ein möglichst demokratisches politisches System, wie man es im kurdischen Teil Syriens praktiziert, daran haben irakischen Kurden kein Interesse – selbst, wenn das Land unabhängig werden sollte. Sie werden aber jetzt vom Westen militärisch unterstützt. Eine Hilfe, die die Kurden im syrischen Teil bitter nötig hätten. „Wir führen den Kampf gegen die Islamisten schon weitaus länger als die KRG“, stellte Akram Heso von der neuen syrisch-kurdischen Regierung fest. „Nur uns will keiner. Damit müssen wir uns abfinden.“ . Alfred Hackensberger

Der Autor berichtet als freier Korrespondent aus dem Irak.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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