Inhalt

Ortstermin
Sören Christian Reimer
Besuch in der »Herzkammer der Demokratie«

»Tag der Ein- und Ausblicke« im Bundestag

Die Sonne strahlt, das Blasorchester Köpenick spielt den Beatles-Hit „Yesterday“, als Bundestagsvizepräsident Johannes Singhammer (CSU) an das Mikrofon auf den Stufen des Westportals des Reichstagsgebäudes tritt, um den „Tag der Ein- und Ausblicke“ zu eröffnen. Sichtlich gut gelaunt begrüßt Singhammer die schon wartenden Gäste.

Bereits zum elften Mal öffnete der Bundestag seine Türen für die Öffentlichkeit, doch in diesem Jahr fiel die Veranstaltung auf ein ganz besonderes Datum: den 7. September. 65 Jahre zuvor hatte sich der Bundestag zum ersten Mal konstituiert. „Das ist ein denkwürdiger, wichtiger und herausragender historischer Tag“, sagte Singhammer. Der Vizepräsident lud die Bürger dazu ein, das Parlament – die „Herzkammer der Demokratie“ – zu entdecken und zu erkunden. „Politik ist nichts Geheimnisvolles, sondern etwas Transparentes“, sagte Singhammer.

Zu entdecken und zu erkunden gab es viel: So konnten die rund 23.000 Besucher große Teil des Reichstagsgebäudes, des Paul-Löbe-Hauses und des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses besichtigen. Ausschüsse und Bundestagsdienste stellten ihre Arbeit vor und unterhielten mit Führungen oder kleinen Wettbewerben. Auf der Besuchertribüne des Plenarsaals diskutierten die Vizepräsidenten des Bundestages mit Besuchern über die Arbeit des Gremiums. Großer Andrang herrschte auch auf der Fraktionsebene. Dort präsentierten die Fraktionen ihre Arbeit. Ausblicke boten Podiumsdiskussionen zu brandaktuellen Themen wie dem Mindestlohn oder der Arbeit des Petitionsausschusses.

Tief einblicken konnten Besucher in die Arbeit des Parlamentsarchivs – das Langzeitgedächtnis des Parlaments. Jens Längert führte durch die Katakomben, wo auf mehreren tausend Quadratmetern Akten aus Verwaltung und Politik gelagert werden. „Aneinandergereiht würden sich die Ordner und Bände über eine Länge von neun Kilometern erstrecken“, berichtete der Diplom-Dokumentar. Sein Arbeitsschwerpunkt ist die Gesetzesdokumentation. Doch auch Akten aus der Verwaltung werden archiviert. „Wir haben Allgemeines und Repräsentatives sowie das Besondere“, sagte Längert – zum Beispiel die Personalakte eines Mitarbeiters, der es vom Boten zum Referenten gebracht habe. Auch wenn nur ein kleiner Teil der Verwaltungsakten letztlich aktiviert werden würden, der Platz wird langsam eng. 2017 wäre die Kapazitätsgrenze erreicht, doch mit dem Anbau an das Lüders-Haus werden auch neue Flächen für das Parlamentsarchiv verfügbar.

Mit Raumnot muss sich Ursula Freyschmidt, Leiterin der Bibliothek des Deutschen Bundestages, derzeit nicht beschäftigen: „Wir haben noch für die nächsten zehn Jahre genug Platz“, sagte Freyschmidt bei einer Führung durch das unterirdische Magazin. Außer Unmengen an Büchern – der Bestand umfasst etwa 1,4 Millionen Bände – zeigte Freyschmidt den vielleicht skurrilsten Einblick des Tages: Eine Pinnwand voll jener Dinge, die Benutzer in den Büchern gelassen haben – wenig überraschende Notizzettel, aber auch persönliche Fotos, Postkarten und Bordkarten für Flugzeuge. Sören Christian Reimer

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag