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GEDENKSTUNDE
Claudia Heine
Die Lektionen der Geschichte begreifen

Bundestag erinnert im Zeichen aktueller Konflikte an den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges vor 75 Jahren

Eine Frage stellte Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) seinen Zuhörern mehrfach: „Wo liegt die Wasserscheide zwischen Generationen, die nicht genug bezahlt haben, und Generationen, die zu viel bezahlt haben? Auf welcher Seite stehen wir?“ Diese Frage des früheren Papstes Johannes Paul II., zitierte Lammert in der Gedenkstunde des Bundestages zum 75. Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges nicht nur, um auf die Vergangenheit zu verweisen. „Auch heute zahlen Generationen viel für ihre Freiheit, ohne die Gewissheit, sie tatsächlich zu erreichen“, sagte Lammert unter Verweis auf aktuelle Kriege wie in Syrien, im Irak und der Ukraine.

Am vergangenen Mittwoch erinnerte der Bundestag gemeinsam mit den wichtigsten Vertretern der Verfassungsorgane, unter ihnen Bundespräsident Joachim Gauck, an den Ausbruch des „verheerendsten Krieges in der Geschichte, für den Generationen viel, zu viel bezahlen mussten“, so Lammert. Er zeigte sich bewegt darüber, dass der polnische Staatspräsident Bronislaw Komorowski als Hauptredner der Veranstaltung in den Bundestag gekommen war, schließlich habe Polen länger als andere unter deutscher Besatzung gelitten.

Wir dürften es nie vergessen, dass die Ereignisse im September 1939 die Vorboten einer beginnenden Katastrophe für das gesamte Europa waren, mahnte Komorowski deshalb. Nicht hoch genug könne vor diesem Hintergrund die deutsch-polnische Versöhnungsleistung der vergangenen Jahrzehnte bewertet werden. Sie käme einem „kopernikanischen Umbruch“ gleich, sagte Komorowski. Er forderte Deutsche und Polen auf, diese Basis zu nutzen: „Unsere Länder sollten dafür sorgen, dass eine neue Ost-West-Spaltung Europas verhindert wird. Wir brauchen eine deutsch-polnische Verantwortungsgemeinschaft für die Zukunft Europas.“ Diese müsse auch eine gemeinsame Antwort „auf die Gefahren in den Nachbarländern finden“, sagte er unter Bezug auf den Ukraine-Konflikt. Durch den Angriff auf die Ukraine greife Russland den fundamentalen Grundsatz einer zivilisierten Welt an, das Prinzip der Achtung vor der Souveränität von Staaten, stellte Komorowski fest und forderte von Europa mehr Geschlossenheit bei der Verteidigung dieser Werte. Lammert sprach in diesem Zusammenhang Bundespräsident Gauck ausdrücklich seinen „Respekt“ dafür aus, bei der Gedenkveranstaltung zum Kriegsausbruch am 1. September in Danzig „am richtigen Platz zum richtigen Anlass das Richtige gesagt“ zu haben. Gauck hatte in seiner Danziger Rede in ungewöhnlich deutlichen Worten die Politik Moskaus kritisiert. So wurde auch aus der Gedenkstunde des Bundestages schließlich fast eine Aktuelle Stunde. (Wortlaut der Reden in der Beilage „Debattendokumentation“) Claudia Heine

Aus Politik und Zeitgeschichte

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