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STUDENTEN
Susanne Kailitz
Klotzen für den Lebenstraum

Noch nie studierten so viele junge Menschen wie heute. Zwei Drittel jobben neben dem Studium

Es gibt Tage, an denen sich Bastian Mehlfeld fragt, ob es das alles wert ist. Die 50-Stunden-Woche, die wiederkehrenden Existenzängste, die Momente, in denen ihn seine Freunde gar nicht erst fragen, ob er am Wochenende mit ihnen ausgeht, weil alle wissen, dass sein Geld dafür nicht reicht. Doch dann erinnert er sich an seinen Traum und: macht weiter.

Mehlfeld studiert Soziologie in Berlin und das Glück, studieren zu können, merkt man dem 31-Jährigen im Gespräch deutlich an. Denn das ist alles andere als selbstverständlich für ihn: Mit 17 brach er die Schule ab, jobbte auf dem Bau. Schon zwei Jahre später habe er einen „Sinneswandel“ gehabt, erinnert er sich. „Ich habe gemerkt, dass das Leben, auf das ich mich eingelassen hatte, doch ziemlich begrenzt war und auch bleiben würde. Ich hatte aber das Bedürfnis, mich weiterzuentwickeln. Und irgendwann war mir klar: Ich will studieren.“ Auf dem zweiten Bildungsweg holte er sämtliche Schulabschlüsse nach, mit 29 konnte er sich endlich an der Technischen Universität Berlin immatrikulieren.

Ansturm auf die Unis Mehlfeld ist einer von rund 2,6 Millionen Studenten, die an deutschen Universitäten und Hochschulen eingeschrieben sind. Nicht allzu viele müssen den Weg an die Alma Mater auf dieselbe harte Tour zurücklegen wie der Berliner: Rund 55 Prozent eines Jahrgangs nehmen heute ein Studium auf, das sind so viele wie nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik. Und immer mehr kommen wie Bastian Mehlfeld aus Haushalten, in denen zuvor niemand einen Hörsaal von innen gesehen hat: Rund die Hälfte der heutigen Studenten haben Eltern ohne akademischen Abschluss.

Nachzulesen ist all das in der 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks, die das Institut für Hochschulstatistik im vergangenen Jahr vorgelegt hat und die die Generation der heutigen Studis genau unter die Lupe genommen hat.

Die ist so vielfältig und bunt wie nie zuvor: Da sind die, die wie Bastian Mehlfeld für den Traum vom Uniabschluss finanziell ziemlich eingeschränkt sind, weil es von daheim keine große Unterstützung gibt. Für sie wurde 1971 die staatliche Unterstützung für Schüler und Studenten eingeführt. Die gab es damals noch als Vollzuschuss, heute muss das zinslose Staatsdarlehen bis zu einer Höchstsumme von10.000 Euro zurückgezahlt werden. Auch Bastian Mehlfeld lebt vom BAföG: Rund 661 Euro bekommt er vom Staat jeden Monat überwiesen. Weil ein großer Teil davon aber für die Miete draufgeht, jobbt der Student nebenbei bei „Arbeiterkind“, einer Initiative zur Unterstützung von Nichat-Akademikerkindern. „Damit komme ich auf rund 1.000 Euro im Monat“, sagt Mehlfeld, „davon kann man leben.“ Leben: Das heißt Miete und Essen bezahlen, Bücher, den Computer und das Handy. „Was leider gar nicht drin ist, sind Reisen zu spannenden Veranstaltungen. Da wird an den Universitäten sehr viel angeboten und die Studierenden werden auch ermuntert, das wahrzunehmen. Aber meist kann ich es mir nicht leisten, für drei Tage irgendwohin zu fahren und dort zu übernachten. Das ist dann immer etwas bitter.“ Mehlfelds Chefin bei „Arbeiterkind“, Katja Urbatsch, kennt diese Einschränkungen. Sie weiß aber auch, dass das immer noch eine Luxusdiskussion ist angesichts dessen, was andere erleben, wenn sie frisch an die Uni kommen. „Das Hauptproblem sind die bürokratischen Abläufe, die nötig sind, bevor es die Studienförderung überhaupt gibt. Es gibt Studienanfänger, bei denen dauert es Monate, bis der erste Cent überwiesen ist. Wenn man da kein finanzielles Polster hat, weil Mama und Papa eben nicht für den Studienstart sparen konnten, und einen Umzug finanzieren muss, kann das richtig übel werden.“

Vorteile der Kleinstadt Glück für die, die sich darum keine Gedanken machen müssen. Zu ihnen gehört Victoria Gütter. Die 22-jährige Dresdnerin hat gerade das Politikwissenschafts-Studium beendet. Vor der Uni schloss sie einen Deal mit ihrem Vater ab: Sie solle vernünftig studieren, dafür werde er ihr bis zum 24. Lebensjahr Unterhalt zahlen. BAföG hätte sie, selbst wenn sie dafür in Frage gekommen wäre, nicht beantragt. „Einfach weil ich keine Schulden anhäufen wollte. Da hätte ich lieber mehr nebenbei gearbeitet.“ Ohne finanziellen Druck habe sie im zweiten Semester begonnen, als Teilzeitredakteurin bei einem Dresdner Medienunternehmen zu arbeiten. „Damit hatte ich zum einen das Gefühl, auch meinen Beitrag dazu zu leisten, auf eigene Beine zu kommen. Zum anderen hat mir das jede Menge Berufserfahrung gebracht.“

Auch Elena Nümann jobbt neben ihrem Studium. Aber nicht, weil sie muss. Die angehende Gebärdendolmetscherin arbeitet an der Westsächsischen Hochschule Zwickau als studentische Hilfskraft, „weil das Spaß macht und natürlich sehr viel angenehmer ist, als irgendwo an der Kasse zu sitzen“. Das müsste sie aber ohnehin nicht. Ihre Eltern finanzieren das Studium. Und weil sie sich für Zwickau, eine nicht so große Sstadt, entschieden hat, sind auch ihre Lebenshaltungskosten gering. „Für mein WG-Zimmer zahle ich 138 Euro Miete“, sagt sie, „davon können Studenten in Hamburg oder München natürlich nur träumen.“ Außerdem sei das Studium an einer kleinen Uni mit kleinen Studiengängen und einem guten Betreuungsverhältnis extrem angenehm.

Für Jan Reitzner käme das trotzdem nicht in Frage: Der 18-jährige Theologiestudent hat sich bewusst für eine große Traditionsuniversität entschieden. „Hier in Tübingen wird schon seit Jahrhunderten auf allerhöchstem Niveau gelehrt und geforscht, hier haben große Persönlichkeiten wie Philipp Melanchthon, Karl Barth oder Dietrich Bonhoeffer gewirkt. Letztlich war für mich aber ausschlaggebend, dass es hier das renommierte Albrecht-Bengel-Haus gibt, das Theologiestudenten während des Studiums kompetent begleitet.“ Dort hat Reitzner auch eine günstige Wohnung bekommen. Und weil er zusätzlich durch ein Stipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung gefördert wird, musste er sich um einen BAföG-Antrag keine Gedanken machen. „Da hatte ich schon ziemlich Glück.“

46-Stunden-Woche Jan, Elena und Victoria haben das Privileg, sich ganz auf ihr Studium konzentrieren zu können. Rund 35 Stunden pro Woche investieren Studenten nach der Sozialerhebung in ihr Studium; wer jobbt, kommt auf eine wöchentliche Belastung von 46 Stunden. Und auch mit ihrer finanziellen Absicherung liegen die drei im guten Durchschnitt: 87 Prozent der Studenten gaben an, von den Eltern mit rund 476 Euro monatlich unterstützt zu werden, über etwa 864 Euro verfügen Durchschnittsstudenten jeden Monat. Möglich ist das, weil zwei Drittel neben dem Studium jobben. Die Hälfte der Studenten mit Job gibt an, das Geld, das dabei herauskommt, für den Lebensunterhalt zu brauchen. Fast jeder dritte Student erhält wie Bastian Mehlfeld BAföG. Für wie viele aber das Studium genauso ein Lebenstraum ist wie für den Berliner, das wurde nicht erhoben.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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