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Parlamentarisches Profil
Hans Krump
Der Geerdete: Henning Otte

Über seine niedersächsische Parteifreundin Ursula von der Leyen lässt der CDU-Bundestagsabgeordnete Henning Otte nichts kommen. „Ursula von der Leyen legt gerade den Finger in die Wunde und lässt sich die Ist-Lage ohne Umschweife vortragen“, sagt der Wehrexperte der Unionsfraktion und stellt sich ohne Umschweife vor die Verteidigungsministerin, die nach diversen Rüstungspannen politisch unter Druck geraten war. Flugzeuge, Hubschrauber, U-Boote oder Panzer, die nicht vom Fleck kommen – Otte wehrt sich gleichwohl dagegen, die Materialausstattung der deutschen Truppe mit einer „Rostlaube“ zu vergleichen. „Die Bundeswehr ist eher wie eine Dampflok. Stets einsatzfähig, was sie tagtäglich in 18 Auslandseinsätzen beweist. Aber etwas in die Jahre gekommen, was das Material und dessen Reparaturanfälligkeit betrifft.“

Otte ist aber dafür, die Rüstungswirtschaft mit härteren Bandagen anzufassen. Die Verträge zwischen Industrie und Bundeswehr müssten „flexibler und für beide Seiten gerechter ausgehandelt werden“, sagt er. Und plädiert dafür, auch an der Sanktionsschraube zu drehen, was bislang vermieden wurde. „Die Lieferungen kommen aus Verträgen, die teilweise weit über 20 Jahre vorher geschlossen wurden. Hier gab es für die Industrie keine ausreichenden Konventionalstrafen, so dass die fristgerechte Lieferung mit bestellter Qualität und zum richtigen Preis nicht gewährleistet werden muss“, sagt Otte unter Verweis auf die peinlichen Dauerverzögerungen beim bei EADS bestellten Transportflieger A440M.

Für welches Bundeswehr-Konzept steht Otte? Ist die Bundeswehr mit inzwischen weniger als 200.000 Soldaten nicht zu klein für ein Land wie Deutschland, wo es überall nicht weit von hier brennt – ob in Syrien, im Irak oder in der Ukraine? „Wir brauchen ein breites und flexibles Aufgaben- und Fähigkeitsspektrum“, sagt Otte. „Die Bundeswehr muss auf alles vorbereitet sein.“ Durch das Konzept „Breite vor Tiefe“ und die Abbildung des gesamten Potenzials könne die Truppe im Fall eines Falles „jetzt schneller auf neue Lagen reagieren“. Otte: „Das bedeutet aber auch, dass wir gegebenenfalls die aktuell geplante Materialpräsenz überprüfen und nachsteuern müssen.“ Der „Heimatbetrieb“ dürfe nicht länger vernachlässigt werden. In diesem Zusammenhang hält Otte die weiterschwelende Debatte über den Sinn der de-facto-Abschaffung der Wehrpflicht unter Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) für müßig. Qualitätsmängel beim Personal sieht Otte trotz aller Klagen nicht und „im Falle der Landesverteidigung kann die Wehrpflicht jederzeit reaktiviert werden“.

Das Interesse des 45-Jährigen an militärischen Dingen rührt nicht zuletzt von seiner zweijährigen Verpflichtung als Zeitsoldat nach dem Abitur her, wo er als Leutnant der Reserve abging. Danach lernte und arbeitete der geborene Celler bei einer Sparkasse, bevor er in Hamburg Jura studierte und später als Prokurist bei einer Stahlbaufirma tätig war.

Seit 2005 sitzt Otte für die CDU im Deutschen Bundestag, seit 2009 sogar als direkt gewählter Abgeordneter des Wahlkreises Celle-Uelzen. Dem Verteidigungsausschuss gehört er seit 2006 an, im Januar 2014 wurde er verteidigungspolitischer Sprecher der Unionsfraktion.

Wenn Henning Otte nach einer stressigen Bundestagswoche wieder daheim im großen elterlichen Hof in Bergen-Eversen angekommen ist, kann er in dieser ganz anderen Welt weit weg von jeder Politik herrlich abschalten. Der Abgeordnete lebt als Familienmensch durch und durch in einem „Mehrgenerationenhaus“, mit seiner Ehefrau und vier kleinen Kindern, seiner Mutter und einer Tante. „Familie ist der Kern meines Lebens“, sagt Otte. „Ich bemühe mich, Familie und Beruf miteinander zu verbinden.“ Das idyllisch gelegene Gehöft der Ottes in der Südheide ist seit 13 Generationen im Besitz der Familie, deren Stammbaum sich bis 1433 zurückverfolgen lässt.

Henning Otte ist der Prototyp eines in der Heimat fest verwurzelten Politikers – „sturmfest und erdverwachsen“, wie es im Niedersachsenlied so schön heißt. Er ist vor Ort stark präsent, ist im Schützenverein, ist leidenschaftlicher Jäger und treibt neben der „großen Politik“ in Berlin auch Politik vor Ort, ob als Parlamentarier im Ortsrat von Eversen, im Bergener Stadtrat, im Kreistag oder als stellvertretender Landrat des Landkreises Celle. Was bleibt da noch für Hobbys übrig? „Ich bin sehr naturverbunden“, sagt Otte, der gerne joggt, jagt und beim FC Bundestag kickt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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