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DDR-Wirtschaft
Philip Plickert
Das große Blendwerk

Bis zum Untergang hielt die SED-Führung die düstere ökonomische Lage vor dem Volk verborgen

Geheime Verschlusssache“. Das 22-seitige Dokument war nur für die Augen des SED-Politbüros bestimmt. Tatsächlich enthielt es eine äußerst brisante Botschaft: Die DDR war pleite. Gerhard Schürer, Chef der Staatlichen Planungskommission (SPK), hatten im Herbst 1989 von Parteichef Egon Krenz den Auftrag bekommen, ein ungeschminktes Bild der ökonomischen Lage zu zeichnen. Seine Analyse war vernichtend: Die DDR-Wirtschaft sei nicht produktiv genug, das Land lebe weit über seine Verhältnisse und verschulde sich immer mehr im Westen. Um die Verschuldung zu stoppen, wäre „eine Senkung des Lebensstandards um 25 bis 30 Prozent“ nötig. Dies aber würde die DDR „unregierbar machen“. Neun Tage nach Übergabe des Schürer-Gutachtens fiel die Berliner Mauer.

Im Rückblick ist der Verfall des sozialistischen Systems klar erkennbar. In den späten 1980er Jahren erreichte das DDR-Produktivitätsniveau nur noch etwa ein Drittel des West-Niveaus. Viele Zeitgenossen erkannten aber nicht, wie sehr die volkswirtschaftliche Substanz der DDR schon aufgezehrt war. Beobachter aus dem Westen, Intellektuelle und Politiker gleichermaßen, ließen sich von der Behauptung blenden, die DDR stünde mit ihrer Volkswirtschaft etwa auf Rang zehn aller Industrieländer. Das war weit übertrieben. Hinter den grauen Fassaden bröckelte die Volkswirtschaft, der Mangel war überall zu greifen. „Angesichts der grundlegenden Systemdefekte erscheint es manchem heute rätselhaft, wie die DDR-Wirtschaft überhaupt 40 Jahre existieren konnte“, findet der Potsdamer Wirtschaftshistoriker André Steiner.

Drei fundamentale und systemimmanente Schwächen hatte die Planwirtschaft der DDR: Anreiz-, Koordination- und Innovationsprobleme. Wie andere sozialistische Staaten kämpfte sie Zeit ihres Bestehens damit, den Staatsbetrieben Anreize für eine effiziente Produktion zu setzen. Nach der drastischen Anhebung der Arbeitsnormen im Frühjahr 1953 kam es zum Volksaufstand vom 17. Juni – ein anhaltendes Trauma für die SED-Führung. Zweitens litt die Planwirtschaft am grundlegenden Informationsdefizit: Ohne Marktpreise war nicht klar, welche Rohstoffe und Güter wie knapp oder begehrt waren. Daher tappte der Planer im Dunkeln, ihre Pläne mussten ständig korrigiert werden, Ressourcen wurden verschwendet, es kam zu Stockungen im Produktionsablauf. Drittens fehlte es an Innovationen. Die Staatsbetriebe standen kaum im Wettbewerb, ihre Verluste übernahm der Staat. Daraus resultierte eine stagnierende oder nur schleppende Produktivitätsentwicklung.

Schon in den 1950er Jahren konnte die DDR wirtschaftlich nicht mit Westdeutschland mithalten. Zum Teil lag dies an den sowjetischen Demontagen und Reparationsforderungen. Zum Teil bewirkte aber schon die erste Welle der Enteignungen und Verstaatlichungen von Unternehmen einen Produktivitätsschock. Dabei war die Planwirtschaft in der ersten Phase des Wiederaufbaus nach dem Krieg noch relativ gut in der Lage, die Produktion wieder in Gang zu setzen und das Potenzial für Wachstum auszuschöpfen. Mitte bis Ende der 1950er Jahren zeigten sich aber die Grenzen dieses Wachstumsmodells. Der Lebensstandard stagnierte bei etwa 60 Prozent des West-Niveaus. Infolge der Kollektivierung der Landwirtschaft und nach einer Missernte kam es 1960/1961 zu einer Versorgungskrise, die Massenauswanderung beschleunigte sich. Mit dem Bau der Mauer im August 1961 stoppte Staats- und Parteichef Walter Ulbricht den stetigen Verlust an qualifizierten Arbeitskräften. Die wirtschaftliche Lage blieb aber angespannt.

Mit einer Reform der Planungswirtschaft versuchten Ulbricht und einige jüngere Funktionäre der SPK von 1963 an das bislang starre System in der DDR zu flexibilisieren. Die staatlichen Betriebe erhielten mehr Spielräume und Eigenverantwortung. Zwar zeigte das „Neue Ökonomische System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft“ (NÖS) zunächst durchaus Erfolge, etwa Effizienzgewinne. Insgesamt scheiterte das NÖS somit an seinen inneren Widersprüchen, da die Herrschaftspartei SED nur Elemente marktwirtschaftlichen Wettbewerb simulieren ließ und am Grundprinzip des Kollektiveigentums und den zentralen Vorgaben festhielt. Nachdem Ulbricht („Überholen ohne Einzuholen“) das Spiel mit übermäßigen Wachstumsvorgaben überreizte und zunehmend Konsum und Importe aus dem Westen auf Pump finanzierte, fiel die DDR 1970 abermals in eine ökonomische Krise. Walter Ulbricht beichtete den Genossen in Moskau: „Wir machen Schulden bei den Kapitalisten bis an die Grenze des Möglichen, damit wir einigermaßen durchkommen.“ Kurze Zeit später wurde er abgesetzt.

Ulbrichts Nachfolger Erich Honecker drehte die Reformen zurück. Die Wirtschaftsplanung wurde wieder stärker zentralisiert. Um die Bevölkerung zu besänftigen, erhöhte die DDR-Führung die Konsummöglichkeiten, das ging aber auf Kosten der Investitionen. „Spätestens seit den siebziger Jahren kann man sagen, dass die DDR von ihrer Substanz lebte“, sagt Wirtschaftshistoriker Steiner. Bald wurden Versorgungsmängel offensichtlich. Betriebe und Behörden mussten sparen. Sie sollten weniger Benzin und Papier verbrauchen, Städte die Straßenbeleuchtung dimmen. Auf die Lieferung eines Trabis warteten die DDR-Bürger oft mehr als zehn Jahre. Honecker blieb blind für die modernen Konsumbedürfnisse, wie sie auch vom Westfernsehen geschürt wurden. „Die Leute brauchen billiges Brot, eine trockene Wohnung und Arbeit“, sagte Honecker vor der Planungskommission. „Wenn diese drei Dinge stimmen, kann dem Sozialismus nichts passieren“ – was für ein Irrtum.

Vom Ölpreisschock blieb die DDR 1974 zunächst verschont, da die Sowjets weiterhin Rohöl zu Vorzugskonditionen lieferten. Mit Verzögerung traf der Preisschock sie doch noch, die Planwirtschaft tat sich mit der Anpassung schwer. Fortan nahm die DDR immer mehr Kredit auf. Die Schulden bei West-Banken und die Handelsdefizite wuchsen rapide. 1982 stand die DDR kurz vor der Zahlungsunfähigkeit, nur durch die beiden von der Bundesrepublik verbürgten Milliardenkredite konnte die Pleite abgewandt werden. Für den wachsenden Schuldendienst mussten krampfhaft Devisen beschafft werden. Doch Exportsteigerungen waren schwierig, da die DDR-Kombinate gegenüber West-Herstellern nicht konkurrenzfähig waren. Wie das Schürer-Gutachten herausarbeitete, war die DDR ökonomisch am Ende. Dennoch erkannten viele im Westen nicht, wie schlimm es tatsächlich um die Wirtschaft nach 40 Jahren Sozialismus stand. Ihr Produktivitätsniveau betrug zum Schluss nur noch etwa ein Drittel des West-Niveaus. Auch der Einheitskanzler Helmut Kohl (CDU) sah nicht das volle Desaster. „Dass die DDR es über Jahrzehnte geschafft hat, den wahren Zustand ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit zu verdecken, kann man nur als eines der größten Täuschungsmanöver des 20. Jahrhunderts bezeichnen“, schrieb Kohl in seinen Memoiren. „Wie falsch selbst unsere pessimistischen Schätzungen über das reale Produktionskapital und den Wert des volkseigenen Vermögens der DDR lagen, merkten wir erst im Lauf der nächsten Jahre.“

Aus der Fehleinschätzung resultierten auch Fehlentscheidungen wie die Festsetzung des Umtauschkurses der DDR-Mark im Verhältnis eins zu eins zur D-Mark, wogegen die Bundesbank heftig protestierte. Die plötzliche Aufwertung aller Preise und Kosten brach vielen Produzenten in den neuen Ländern das Genick. Auch die Treuhand verschätzte sich. Glaubte die Regierung Kohl anfangs, mit dem Verkauf ostdeutschen Staatsbetriebe und Grundstücke einen Großteil der Kosten der Einheit zahlen zu können, schloss die Treuhand letztlich mit einem Verlust von mehr als 200 Milliarden Mark ab.

Der Autor ist Wirtschaftsredakteur der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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