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EBOLA
Götz Hausding/Alexander Heinrich/dpa
Späte Einsicht

Deutschland verstärkt sein Engagement im Kampf gegen die Epidemie in Westafrika

Es ist eine Zahl, die man sich nicht vorstellen will: Die US-Gesundheitsbehörde CDC geht in einem ihrer Szenarien von einer Zahl zwischen 550.000 und 1,4 Millionen Menschen aus, die sich bis zum Januar nächsten Jahres mit dem Ebola-Virus infizieren könnten. Zumindest dann, wenn es nicht gelingt, die Übertragungsketten in den am meisten betroffenen Ländern in Westafrika zu unterbrechen. Und es ist klar, dass das ohne Hilfe von außen nicht geht. Auf rund eine Milliarde US-Dollar beziffern etwa die Vereinten Nationen den Bedarf – und beklagten vergangene Woche, dass die internationale Staatengemeinschaft erst rund ein Viertel dieser Summe für einen UN-Sonderfonds bereitgestellt habe.

Die internationale Staatengemeinschaft reagiert spät, die Politik gesteht das auch ein. „Wir haben Ebola unterschätzt“, sagt Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD). Und auch wenn Experten zur Sachlichkeit mahnen und vor Panikmache warnen (siehe Interview rechts): Nach den ersten Übertragungen von Mensch zu Mensch in Europa und in den USA setzt sich die dringliche Einsicht durch, dass der beste Schutz vor Ebola die Hilfe für Westafrika ist. „Das, was wir jetzt tun, um in Westafrika zu helfen, ist im besten Sinne des Wortes notwendige Hilfe für die Menschen dort aber auch der wirksamste Eigenschutz für die Bevölkerung in Europa“, sagte etwa Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) am Donnerstag während eines Treffens mit anderen europäischen Ministern in Brüssel. Bei dem Treffen wurde unter anderem beschlossen, dass im Zusammenspiel mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Reisende schon bei der Ausreise aus den drei hauptbetroffenen Ländern befragt und überprüft werden sollen, um ein weltweites Übergreifen des Virus zu verhindern. Kurz zuvor wurde vergangene Woche bekannt, dass der Haushaltsausschuss des Bundestages noch einmal zusätzliche Mittel bewilligt hat – damit stellt Deutschland jetzt insgesamt rund 100 Millionen Euro für die Bekämpfung der Epidemie bereit.

Engagement Die Frage, ob das deutsche Engagement ausreicht, beschäftigte am vergangenen Freitag auch erneut das Bundestagsplenum. Maria Böhmer (CDU), Staatsministerin im Auswärtigen Amt, verwies darauf, dass Deutschland weitere 85 Millionen Euro bereitstellen werde, 50 Millionen Euro davon noch in diesem Haushaltsjahr. Zudem sei man dabei, Freiwillige für den Einsatz in den Krisenländern gezielt auszubilden.

Den Dank für die freiwilligen Helfer verband Staatsministerin Böhmer mit der Zusage, diese im Falle einer Ansteckung zu evakuieren. Die Bundesregierung werde dazu ein Flugzeug mit einer den höchsten Ansprüchen genügenden Isolierstation anmieten. „Wir sind bereit, an Ebola erkrankte Helfer in Deutschland zu behandeln“, sagte sie. Das gelte auch für Nicht-Deutsche. Auch wenn niemand wisse, ob das die Hilfe schon ausreichend sei, stehe eines fest, sagte Böhmer: „Wir wollen und wir müssen die Ebola-Epidemie stoppen.“

Es sei gut, dass Deutschland mehr Geld für den Kampf gegen Ebola zur Verfügung stelle, sagte Niema Movassat (Die Linke). Allerdings habe im Entwicklungsausschuss schon Ende September ein Vertreter von Ärzten ohne Grenzen betont, dass es bei der ohnehin verspäteten Hilfe jetzt um Stunden und Tage, nicht um Wochen und Monate gehe. Nach Informationen aus den betroffenen Ländern komme dort jedoch auch Wochen später kaum Hilfe an. „Das ist ein Armutszeugnis für Deutschland und die gesamte Welt“, befand Movassat. Zugleich verwies er darauf, dass als Folge der Ebola-Epidemie eine Hungersnot drohe. Der Kampf gegen den Hunger laufe allerdings unter erschwerten Bedingungen. 180 Millionen Dollar brauche das Welternährungsprogramm, für Logistik und Nahrungsmittel. „Das ist doch im Vergleich zu dem, was man für jeden Militäreinsatz ausgibt, eine Kleinigkeit“, sagte Movassat.

Gesundheitsversorgung Die Hilfe sei überfällig, sagte Heinz-Joachim Barchmann (SPD). „Die Gefahr wurde zu lange nicht erkannt.“. Es sei die Organisation Ärzte ohne Grenzen gewesen, die als erste vor der Ebola-Epidemie gewarnt hätte. „Lange vor der Weltgesundheitsorganisation WHO“, fügte er hinzu. Die Krise zeige auch gravierende Probleme bei der Entwicklung in den betroffenen westafrikanischen Ländern auf. Es fehle unter anderen nach wie vor an einer stabilen Gesundheitsversorgung. Im Senegal und in Nigeria hingegen seien die aufgetretenen Fälle so behandelt worden, dass es nicht zu einer Epidemie gekommen sei. „Man kann also etwas machen“, sagte Barchmann.

Spätestens nachdem die Weltgesundheitsorganisation WHO Anfang August den Gesundheitsnotstand ausgerufen habe, hätte die Bundesregierung handeln müssen, sagte Uwe Kekeritz. Stattdessen diskutiere man heute über einen Entschließungsantrag (18/2607), der überwiegend Prüfaufträge an die Bundesregierung beinhalte. „Die Zeit der Prüfaufträge ist aber vorbei“, sagte der Grünen-Abgeordnete. Damit werde lediglich bestätigt, „dass die Bundesregierung nicht willens oder auch nicht fähig ist, entschlossen und schnell zu handeln“. Jetzt die Hilfe aufzustocken, sei seines Erachtens zu spät. „Man hätte viele Menschen retten können, wenn man schon im August gehandelt hätte“, sagte Kekeritz.

„Zu sagen: Das habe ich alles schon vorher gewusst, bringt uns nicht weiter“, entgegnete Sabine Weiss (CDU). Man müsse das Problem nun konstruktiv angehen, „so wie es die Bundesregierung tut“, sagte die Unionsabgeordnete. Weiss sagte weiter, es sei wichtig, Panik zu vermeiden. Besonders den Medien müsse man sagen: Die Krankheit ist beherrschbar, die Ausbreitung kann gestoppt werden. Dies habe man auch nach früheren Ebola-Ausbrüchen sehen können. Sie sei im Übrigen, trotz Medienumfragen, wonach die Deutschen die Behandlung Ebola-Erkrankter in Deutschland zu 51 Prozent ablehnen würden, der Meinung, „dass die deutsche Bevölkerung es akzeptiert, wenn wir infizierte Helfer hier behandeln“.

Fehleinschätzungen Karl Lauterbach (SPD) machte deutlich, dass der Infektionsverlauf anders sei als bei vorherigen Ebola-Fällen. Lauterbach sagte zudem, dass die WHO die Situation falsch eingeschätzt habe, „und wir uns darauf verlassen haben“. Die Bundesregierung habe aber im August unmittelbar reagiert und unter anderem zwei lokale Labors sowie einen Krisenstab eingerichtet. Lauterbachs Fazit: „Es gab eine Fehleinschätzung von allen. Aber niemand hat hier gegen sein Gewissen gehandelt.“

Aus Politik und Zeitgeschichte

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