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Aufgekehrt
Sören Christian Reimer
Schweizerische Provokationen

Das Verhältnis zwischen der Schweiz und Deutschland ist kein einfaches. Mal sind die Eidgenossen auf der Zinne, weil deutsche Finanzbeamte Steuersünder-CDs kaufen. Der Fiskus wiederum ist sauer, weil das Nachbarland Steuerflüchtige lange Zeit hofierte. Ein früherer Finanzminister drohte deswegen gar mit der bundesdeutschen Kavallerie – wohlweislich ohne vorher nach deren Einsatzfähigkeit zu fragen. Die Schweizer nerven seit Jahren zudem mit der penetranten Selbstvergewisserung, dass sie es waren, die ein gewisses Hustenbonbon erfunden haben.

Nun provozieren die Eidgenossen erneut: Ein Sprecher der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) hat auf der Kurznachrichtenplattform Twitter über die Deutsche Bahn gelästert. Dabei ist Bahn-Bashing bekanntermaßen ein bundesdeutsches Privileg und exklusiver Volkssport zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen. Da lässt man sich nicht gern von Touristen reinreden. Was dem Sprecher widerfuhr, klingt vertraut: Seine Bahn war verspätet, der Anschlusszug war weg. Dass sich die Deutsche Bahn 2013 mit einer Pünktlichkeitsquote von 94,1 Prozent brüstete, wird den SBB-Sprecher kaum beeindruckt haben. Für schweizerische Verhältnisse – handelt es sich doch um das Land der Uhrmacher – ist ein solcher Wert vermutlich knapp vor der Anarchie. Die Lästereien schlugen Wellen, der SBB-Sprecher löschte die Nachrichten peinlich berührt. Eine angemessene Reaktion der Deutschen Bahn steht indes noch aus. Anstatt in gemeinsamer Anstrengung die Vorwürfe zu entkräften, stehen die Zeichen weiterhin auf Streik. Immerhin: Wer nicht fährt, kann auch nicht zu spät kommen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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