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Jo Bager
Die Daten-Revolution

Dem digitalen Wandel kann sich niemand mehr entziehen. Er verändert Alltag und Arbeitswelt fundamental

Er krempelt in rasantem Tempo ganze Wirtschaftszweige um und auch die Art und Weise, wie Menschen miteinander kommunizieren: der digitale Wandel. Der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz (SPD), urteilte am 12. Oktober in seiner Laudatio auf den Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, Jaron Lanier: „Wir befinden uns inmitten eines Prozesses, der die Gesellschaften auf der ganzen Welt in einer Totalität herausfordert, wie dies zuletzt geschah, als die industrielle Revolution mit Macht das Gesicht der Welt rasant verändert hat.“

Das Digitale verändert althergebrachte Gewohnheiten und Geschäftsmodelle, ganze Branchen und Berufe. Wer heute etwas nachschlagen will, braucht keinen Brockhaus mehr. Er googelt oder sucht in der Online- und Mitmach-Enzyklopädie Wikipedia. Kosten: null. Immer mehr Inhalte werden auf dem Notebook, dem Tablet oder E-Book-Reader gelesen. Zwölf Prozent ihrer Umsätze machen die deutschen Verlage in diesem Jahr voraussichtlich mit elektronischen Büchern. In den USA haben sie bereits Anteile von mehr als 20 Prozent. Tageszeitungen verlieren massenhaft Leser, weil diese sich ihre Informationen lieber kostenlos im Netz beschaffen.

Denkende Algorithmen In anderen Branchen ist der Wandel bereits weitgehend abgeschlossen, etwa auf dem Musikmarkt. Physische Tonträger? Gibt es fast nur noch bei kleinen Spezialisten und im Online-Handel, viele Kaufhäuser haben ihre CD-Abteilungen dicht gemacht. Musik kauft man heute als MP3-Download, oder man zieht sie direkt aus dem Netz.

Die Medienbranche ist nur ein Schauplatz einer Entwicklung, die oft auch als „digitale Revolution“ bezeichnet wird – in Anlehnung an die industrielle Revolution Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts. Ersetzten vor 200 Jahren Maschinen die Muskelkraft, übernehmen in der digitalen Revolution Maschinen zunehmend intellektuelle Aufgaben. Computerprogramme basierend auf Algorithmen „denken“ heute mit, sie sortieren Informationen, wandeln unsere Fragen in Antworten um oder schlagen uns, auf Basis bisheriger Käufe, Produkte vor, die wir als nächstes kaufen könnten. Die digitale Technik könnte die menschliche Arbeitskraft in vielen Bereichen bald ganz ersetzen, in der Logistik etwa. Google arbeitet bereits am selbst fahrenden Auto, die Post hat schon eine erste Paketdrohne im Einsatz. Japan setzt Roboter zur Pflege alter Menschen ein.

Im Privaten sieht man mitunter gar nicht, wie viel Digitaltechnik auch jenseits von PC, Smartphone und Tablet in den Alltag eingezogen ist. Im Auto zum Beispiel funktionieren Sicherheitssysteme wie ABS, oder ESP, nicht mehr ohne Computer. Fernseher nennen sich heute „Smart TV“, holen Programm- und Hintergrundinformationen aus dem Internet und rufen Filme aus Online-Videotheken ab. Dabei ist Smart TV nur ein Vorreiter für die vollständige digitale Heimvernetzung, das „Smart Home“. Darin wärmt etwa die per Smartphone-App konfigurierbare Heizungssteuerung das Haus vor, während man noch auf dem Weg von der Arbeit ist. Smarte Lampen passen Lichtfarbe und -stärke an das Tageslicht und die Stimmung der Bewohner an. Die neue Technik verändert den Menschen und seine Gewohnheiten. Im Schauspiel Hannover macht der Autor und Kabarettist Rainald Grebe gerade mit seinem Stück „Das Anadigiding“ den Medienwandel erlebbar. In kurzen Szenen lässt er die analoge Zeit wiederaufleben: Das nervige Warten in der Schlange vor der Telefonzelle etwa. Den Versuch, das ohnehin schon schrecklich verrauschte Konzert im Fernseher mit einem Kassettenrekorder aufzunehmen. Aus heutiger Sicht kann man über solche Situationen nur noch schmunzeln.

Keine Frage: Viele technische Neuerungen haben das Leben einfacher, schneller, besser gemacht. Das Sonderangebot im Supermarkt – ist das wirklich ein Schnäppchen oder gibt es das Produkt woanders günstiger? Preisvergleichs-Apps klären schnell auf. Wer seine Dateien konsequent bei einem Internet-Speicherdienst lagert, dem kann es nicht passieren, dass er ein wichtiges Dokument bei der Arbeit „liegen lässt“. Der Zugriff auf die eigenen Daten, auf Musik oder Filme ist über das Internet von jedem Ort der Welt aus möglich. Besonders unverkrampft gehen die so genannten Digital Natives an die neue Technik heran. Diese Generation der 14- bis 29-Jährigen ist mit dem Internet quasi geboren. Das Netz ist für sie das mit Abstand wichtigste Medium, weit vor dem Fernsehen. Durchschnittlich sind die Jugendlichen knapp vier Stunden täglich online – fast doppelt so viel wie die über 30-Jährigen. Ihre Stars heißen Gronkh oder Sarazar und senden nicht auf ARD oder ZDF, sondern auf eigenen YouTube-Kanälen.

Kabarettist Grebe meint, durch die Digitalisierung haben wir nicht nur gewonnen, sondern auch viel verloren. Geduld zum Beispiel. Heute ist das Smartphone immer dabei. Ständig werden Nachrichten, E-Mails oder die neuesten Facebook-Einträge gecheckt – man könnte ja etwas Wichtiges verpassen. Das hat auch Auswirkungen auf die Arbeitswelt und auf unser Freizeitverhalten: Mitarbeiter sollen heute ständig erreichbar sein, am Abend, im Urlaub, am Wochenende.

Dabei ist das Internet das demokratische Medium schlechthin: Es macht in technischer Hinsicht keinen Unterschied, wer dort etwas veröffentlicht. Soziale Netzwerke und Internet-Plattformen tragen zum politischen Diskurs bei, informieren, bringen Menschen mit gleichen Interessen und Forderungen zusammen und decken Missstände auf. Die Plagiatsaffäre zum Beispiel, die zum Rücktritt des damaligen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) geführt hat, wurde von der Online-Plattform GuttenPlag losgetreten.

Diese neue Form der Transparenz und Bürgerbeteiligung, die in Demokratien inzwischen selbstverständlich ist, bereitet Diktaturen naturgemäß Probleme. Wenn Menschen per Smartphone heimlich Demonstrationen oder brutale Polizeieinsätze filmen und diese Videos unmittelbar im Netz verbreiten, dokumentieren sie die Realitäten jenseits der Staatspropaganda. Facebook und Twitter waren in den letzten Jahren zudem ein wichtiges Mittel für Oppositionsgruppen, um Proteste gegen Regierungen zu organisieren – beim arabischen Frühling etwa oder bei den Protesten in der Türkei gegen die Regierung Erdogan.

Angst der Diktaturen Aus diesem Grund versuchen einige Länder, den Zugang zu sozialen Netzwerken zu steuern, unliebsame Inhalte herauszufiltern oder ganz zu verbieten. Die Türkei hatte vor den Kommunalwahlen im Frühling eine Twitter-Sperre verhängt, die das türkische Verfassungsgericht jedoch kurz darauf wieder aufhob. Das größte Zensur-Projekt unterhält zweifellos China mit seiner „großen Firewall“. Sie blockiert nicht nur unliebsame Inhalte im Internet, sondern dient auch als Überwachungsnetzwerk zur Kontrolle der Bevölkerung – für die chinesische Führung ein extrem wichtiges Mittel zum Erhalt ihrer Macht.

Regierungen können das Internet also auch dafür benutzen, ihre Bürger auszuspähen. Davor warnt zum Beispiel der weißrussische Publizist Jewgeni Morozov. Er sagt: Die positiven Wirkungen sozialer Netzwerke in autoritären Gesellschaften solle man nicht überschätzen. So könne eine Regierung genau identifizieren, wer an Protesten teilgenommen habe, indem sie die Handy-Positionsdaten und Social-Media-Profile auswertet. Dass dies gravierende Folgen für die Demonstranten haben kann, ist klar.

Die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) nutzt das Internet derzeit wie kaum eine andere extremistische Gruppe, um ihre Propaganda zu verbreiten und neue Anhänger zu rekrutieren. Frei im Netz kursieren Videos von brutalen Hinrichtungen des IS, die über Google leicht auch von Kindern gefunden werden können. Die Betreiber der betroffenen Video-Plattformen kommen mit dem Löschen der Videos kaum hinterher, zumal sie oft schnell weiter im Netz verbreitet werden.

Doch nicht nur autoritäre Staaten und extreme Gruppierungen nutzen das Internet für ihre Interessen: Die Enthüllungen von Edward Snowden haben deutlich gemacht, dass auch westliche Demokratien wie die USA den weltweiten Internet-Verkehr protokollieren und auswerten. Ausmaß und Hintergründe untersucht derzeit ein Untersuchungsausschuss im Bundestag.

Und so wirft der digitale Wandel immer neue Fragen und Probleme auf, gerade auch im Hinblick auf den Datenschutz. Internetgiganten wie Amazon oder Google machen mit den Daten ihrer Nutzer Milliardengeschäfte. Wie kann man da gegensteuern? „Wissen ist bekanntlich Macht und wer weiß, was wir kaufen, wo wir uns befinden, mit wem wir befreundet sind und was unsere geheimsten Wünsche und Träume sind, der weiß zu viel über uns“, urteilte Martin Schulz in der Frankfurter Paulskirche.

Die Debatte über Chancen und Risiken der digitalen Zukunft hat gerade erst richtig begonnen. Entziehen kann sich ihr keiner mehr.

Der Autor ist Redakteur beim c’t Magazin für Computertechnik und bei heise online

Aus Politik und Zeitgeschichte

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