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Editorial
Jörg Biallas
Mensch und Werkzeug

von Jörg Biallas

Wenn ein politisches Projekt so komplex ist, dass es einen Vorgang gleichzeitig befördern und begrenzen soll, ist die Umsetzung zwar nicht zwingend unmöglich, aber doch eine besondere Herausforderung. So verhält es sich bei der Digitalen Agenda, die der Bundestag in der vergangenen Sitzungswoche behandelt hat. Denn einerseits sollen die technischen Möglichkeiten des Datenaustausches in Deutschland flächendeckend ausgebaut werden. Andererseits sollen Datenschutz wie Datensicherheit darunter nicht leiden und sich sogar deutlich verbessern.

Kein Kinderspiel also. Und doch gibt es einen weitgehenden politischen Konsens, dass diese Ziele erreicht werden müssen, um der Zukunft mit dem notwendigen technischen Rüstzeug begegnen zu können.

Längst begleitet uns das Internet buchstäblich von der Wiege bis zur Bahre: Glückliche Eltern posten die Fotos ihrer Neugeborenen; traurige Hinterbliebene schalten Todesanzeigen – selbstverständlich auch im Netz. In der Zeit zwischen diesen beiden Ereignissen sammelt jeder von uns eine Datenakte unermesslichen Ausmaßes. Kontrollierbar sind die so zusammengetragenen, teils sehr intimen Fakten längst nicht mehr. Schon gar nicht von dem Betroffenen.

Gerade die nachwachsende Generation begegnet den Gefahren, die im Netz lauern, mit einer unglaublichen Sorglosigkeit. Die „sozialen“ Netzwerke sind vielleicht kommunikativ, vielleicht gesellig, vielleicht spaßig. Angesichts der Möglichkeit, damit andere Menschen an den Pranger zu stellen oder über sich selbst unbemerkt Persönliches preiszugeben, sind sie aber eines gewiss nicht: sozial.

Und doch wird auch hier der technische Fortschritt immer wieder neue Akzente setzen. Deshalb sind klare Regeln nötig, wer, wann, wie auf welche Daten zugreifen darf.

Solche Regeln müssen auch für den Staat und die Wirtschaft, die in großem Ausmaß von den Daten profitiert, gelten. Sie sollten kontinuierlich von wissenschaftlicher Abwägung begleitet, ethisch eingeordnet und bei Bedarf politisch nachjustiert werden.

Ein Leben ohne Internet ist längst nicht mehr vorstellbar. Das weltweite Netz ist nahezu überall präsent und notwendig. Umso wichtiger ist es, dass das Internet ein Werkzeug des Menschen bleibt. Und nicht umgekehrt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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