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EDITORIAL
Jörg Biallas
Suche nach Zukunft


Immer weniger Deutsche haben es selbst erlebt, viele kennen es aber noch aus den Erzählungen der Altvordern: Wie es war, damals in den Wirren des Zweiten Weltkrieges und den Jahren danach. Als Millionen durch die Lande irrten. Geflüchtet aus der alten Heimat, vertrieben von Mord und Terror, mit Habseligkeiten, die diesen Begriff kaum mehr verdienten. Verzweifelt waren sie auf der Suche nach einem lebenswerten Dasein, einem neuen Anfang, einer Zukunft in fremder Umgebung.

Heute zählt die Welt wieder so viele Flüchtlinge wie seitdem nicht mehr. 51 Millionen Menschen suchen nach aktuellen Schätzungen Schutz und Hilfe, weil sie zu Hause keine Perspektive mehr sahen oder gar um Leib und Leben bangen mussten.

Wie vor 70 Jahren erfahren diese Heimatlosen in der Fremde die ganze Spannbreite menschlichen Miteinanders: von Ablehnung über Gleichgültigkeit bis hin zu herzlicher Zuneigung.

Dafür gibt es auch in Deutschland zahlreiche Beispiele. Die einen mögen Ausländer nicht akzeptieren, die aus wirtschaftlichen Gründen den Weg in die Wohlstandsstaaten suchen. Andere lassen sich sogar zu rechtsextremistischer Einfalt hinreißen, indem sie der Mär von einer angeblichen „Überfremdung“ aufsitzen.

Die mediale Wahrnehmung dieser Ansätze übertüncht schnell das Engagement von Kommunalverwaltungen, aber auch von zahlreichen bürgerlichen Initiativen, die sich vor Ort fürsorglich um Flüchtlinge kümmern.

Selbstredend ist es für den Staat eine große Herausforderung, wenn sich, wie in den vergangenen drei Jahren geschehen, die Zahl der Asylanträge mehr als verdoppelt hat. Aber: Die allermeisten Antragsteller haben keine Alternative zu unserer Hilfe.

Wir wiederum sehen mit Ausländern einer besseren Zukunft entgegen. Und zwar ganz gleich, ob jemand aus Afrika oder aus den wirtschaftlichen Problemregionen Europas nach Deutschland drängt. Denn grundsätzlich bereichert Migration jede Gesellschaft. Allerdings bedarf es politisch eines klaren und fairen Systems für Zuwanderung, national wie international.

Die Finanzen sollten dabei übrigens nicht das ausschlaggebende Argument sein. Schon gar nicht in einer Nation, die es sich leisten kann, wochenlang engagiert über eine „schwarze Null“ zu debattieren.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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