Inhalt

25 Jahre Mauerfall
Claus Peter Kosfeld
Feierstunde mit Tränen der Rührung

Emotionale Gedenkveranstaltung im Bundestag mit Musik und markigen Worten

Es ist der 9. November 1989 abends: Die Mauer in Berlin ist plötzlich offen und über Deutschland ergießt sich ein Strom von Glückstränen. Das Kulturvolk bringt vor lauter Ergriffenheit keine vollständigen Sätze mehr heraus, sondern stammelt nur: Wahnsinn! Stolze 25 Jahre ist das her, eine ganze Generation: aus Babys wurden Erwachsene, aus jungen Leuten alte Leute. In Berlin erinnert in diesen Tagen eine elegante Lichtinstallation an den Verlauf des früher monströsen Grenzwalls, und junge Touristen aus fernen Ländern fragen, ob sich wirklich einmal eine 3,6 Meter hohe Stahlbetonmauer mitten durch die quirlige Großstadt schlängelte. Really? Really!

Die Feierstunde des Bundestages am vergangenen Freitag war geprägt von Tränen der Rührung, von Bekenntnissen zu Freiheit und Demokratie und von Erinnerungen an den Mut der DDR-Bürger, die völlig gewaltlos eine Diktatur stürzten. Mut bewies auch Parlamentspräsident Norbert Lammert (CDU), als er den Liedermacher Wolf Biermann (77) als Ehrengast einlud, der in Erinnerung an die Unterdrückung Oppositioneller in der DDR ein politisches Lied („Ermutigung“) vortragen sollte, was der Querdenker dann auch tat, nicht ohne sich die Linksfraktion harsch vorzunehmen. Keine fünf Meter entfernt, fauchte der selbst ernannte „Drachentöter“ die Linken an: „Ich habe Euch zersungen mit den Liedern, als Ihr noch an der Macht wart.“ Und fügte hinzu: „Ihr seid dazu verurteilt, das hier zu ertragen, ich gönne es Euch.“ Von Lammert ermahnt, doch besser zu singen als zu reden, schrammte die Feier scharf am Eklat vorbei und entwickelte sich zu einem parlamentarischen Spektakel, das auch die Zuschauer auf den Tribünen gebannt verfolgten. Lammert erinnerte daran, dass die „glückliche Verbindung von Freiheit und Einheit“ in Deutschland eine lange Vorgeschichte in Osteuropa gehabt habe. Iris Gleicke (SPD) aus Thüringen erinnerte unter Tränen an die „unbändige Freude und Erleichterung“ 1989, wovon leider nicht viel geblieben sei. Katrin Göring-Eckardt (Grüne) sagte, die DDR sei nicht nur wirtschaftlich pleite gewesen, sondern „politisch, moralisch und ökologisch bankrott“. Die Diktatoren hätten mit allem gerechnet, nur nicht mit Kerzen. Arnold Vaatz aus Sachsen verwies auf den Freiheitswillen der DDR-Bürger, die alles riskiert hätten, um den Zustand der Einengung hinter sich zu lassen. Auch Gerda Hasselfeldt (CSU), die damals schon Abgeordnete in Bonn war und die historische Sitzung am Tag des Mauerfalls erlebte, sagte: „Es waren die Menschen in der DDR, die das Licht der Freiheit entzündet haben.“ Gregor Gysi (Linke) forderte, keine neuen Mauern zuzulassen, vor allem nicht gegen Flüchtlinge. (Die Reden im Wortlaut in der Debattendokumentation)

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag