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EDITORIAL
Jörg Biallas
Auf Leben und Tod

Wie hältst Du es mit dem Sterben? Mehr als vier Stunden haben die Abgeordneten des Bundestages über diese Frage diskutiert. Eine Frage, die viele als unangenehm empfinden. Weil die Beschäftigung damit voraussetzt, dass die Endlichkeit des Seins und die daraus resultierende Gewissheit der Vergänglichkeit nicht verdrängt, sondern reflektiert werden. Gelingt das, kann es freilich ein Erlebnis im Wortsinn sein, sich mit den Umständen des eigenen Todes auseinanderzusetzen.

Keine Frage: Diese Debatte war ein solches Erlebnis. Und sie war nötig in einer Gesellschaft, die unter dem Segen des Einflusses atemberaubenden medizinischen Fortschritts Leben immer intensiver schützen und verlängern kann. Die teils sehr persönlichen und emotionalen Beiträge am Rednerpult haben beeindruckend verdeutlicht, dass der Übergang vom Leben in den Tod inzwischen ganz neue Herausforderungen mit sich bringt. Und dazu gehört zuvorderst auch die Frage, ob, unter welchen Umständen und wie in den Sterbeprozess eingegriffen werden darf.

Trotz aller Kontroversen haben die Beiträge im Parlament sämtlich Hochachtung vor der Schöpfung ausgedrückt. Ein konsensfähiges Gesetz, das die Bedingungen für Sterbehilfe abschließend definiert, ist allerdings noch nicht greifbar.

Das wäre wohl auch zu viel verlangt. Der Umgang mit einer todbringenden Krankheit, das Sterben, ist ein sehr persönlicher Vorgang, den jeder anders empfindet. Gesetze indes funktionieren genau umgekehrt: Sie schließen vom Allgemeinen auf das Spezielle, definieren also einen Wertekanon, der dann für alle Fälle angewandt wird. Mit dem Tod ist das schwer zu machen. Denn der ist ein singuläres Ereignis. Immer wieder aufs Neue.

Und doch waren diese Debattenstunden ein Gewinn, weil sie abseits der Sterbehilfe einen breiten Konsens über Lebenshilfe formulierten: Nötig sind verbesserte palliative Angebote, mehr Hilfe bei der häuslichen Pflege, ein Ausbau der Hospizstruktur. All diese Dinge erleichtern das Dasein unter schwierigen, vielleicht sogar als nicht mehr lebenswert empfundenen Umständen. Deshalb ist die Frage nach dem Umgang mit dem Tod nicht zu trennen von einer weiteren, die ebenfalls kein Politiker, kein Stellvertreter, kein Arzt, sondern nur jeder für sich selbst beantworten kann: Wie hältst Du es mit dem Leben?

Aus Politik und Zeitgeschichte

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