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EUROPA
Johanna Metz
Papst liest Europa die Leviten

Papst Franziskus war ausdrücklich nicht als Politiker und weltliches Staatsoberhaupt ins Europäische Parlament in Straßburg gekommen. Dennoch war die Botschaft, die das Oberhaupt der katholischen Kirche den 751 EU-Abgeordneten auf den Weg gab, durch und durch politisch: Die Flüchtlinge, die an den europäischen Küsten landeten, bräuchten „Annahme und Hilfe“, appellierte der Heilige Vater in der vergangenen Woche an die Volksvertreter aus allen 28 EU-Staaten. Man könne nicht hinnehmen, dass das Mittelmeer zu einem großen Friedhof werde. Durch das Fehlen gegenseitiger Unterstützung innerhalb der Europäischen Union bestehe die Gefahr, „partikularistische Lösungen des Problems anzuregen, welche die Menschenwürde der Einwanderer nicht berücksichtigen und Sklavenarbeit sowie ständige soziale Spannungen begünstigen“, betonte der Heilige Vater. Er forderte die Europäer auf, mutige und konkrete politische Maßnahmen zu ergreifen“, um die Herausforderungen der Migration zu bewältigen. Außerdem warb er für eine Rückbesinnung auf den Glauben.

Für seine unbequemen Worte und die scharfe Kritik an der europäischen Flüchtlingspolitik erntete der Papst, der in weißer Soutane ans Rednerpult getreten war, viel und lang anhaltenden Applaus im Plenum. Ein Papst, dazu einer aus Lateinamerika, der den Europäern den Spiegel vorhält, den Kontinent an seine christlichen Wurzeln und Werte erinnert – das hat es so bisher nicht gegeben. Der 77-jährige Argentinier ist erst der zweite Papst nach Johannes Paul II., der eine Rede vor den Europaabgeordneten gehalten hat. Beim ersten Mal, 1988, hatte der Papst aus Polen den Wunsch nach einer Erweiterung der Europäischen Gemeinschaft in den slawischen Teil Europas formuliert. Ein Jahr später fiel der Eiserne Vorhang.

Im Vorfeld der feierlichen Sitzung mit Papst Franziskus hatten einige Abgeordnete die Einladung des Kirchenoberhauptes durch Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD) kritisiert: Sie werteten den Besuch des Heiligen Vaters als Angriff auf das Prinzip der Trennung von Kirche und Staat. Einen Vorwurf, den Schulz mit der Aussage konterte, Laizität bedeute nicht das Fehlen des Dialogs und eine Verneinung der Pluralität, auf der Europa gründe. Die Rede des Papstes bezeichnete er anschließend als „Ermutigung für die EU“. Der Heilige Vater sei eine Persönlichkeit, die Orientierung gebe in Zeiten der Orientierungslosigkeit. „Ich glaube, wir haben viele gemeinsame Aufgaben, bei denen uns die Worte von Papst Franziskus helfen“, zeigte sich Schulz überzeugt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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