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Gastkommentare - Contra
Holger Möhle
Sache der Afghanen

Ist der Abzug aus Afghanistan verfrüht?

Gemeinsam rein, gemeinsam raus. Das ist eine zentrale Devise der Nato. Mit gemeinschaftlicher Ansage, abgegeben bei ihrem Gipfel im Herbst 2010, zieht die Nato Ende dieses Jahres ihre letzten Kampftruppen aus Afghanistan ab. Wem dies zu früh ist, muss die Antwort liefern: Wie viele Jahre soll das westliche Verteidigungsbündnis gut 6.000 Kilometer östlich des eigenen Hauptquartiers noch kampfbereit mit Truppen am Hindukusch stehen? Und was könnte dieser Kampf noch bewegen beziehungsweise befrieden? Die Taliban – das muss der Westen anerkennen – bleiben ein Machtfaktor, so wie die Korruption ein Geschwür der afghanischen Gesellschaft bleibt und der Schlafmohn-Anbau boomt wie nie. Ohne eine Aussöhnung mit den gemäßigten Kräften der Taliban kommt das Land nach 35 Jahren Krieg, Bürgerkrieg und wieder Krieg nicht zur Ruhe.

Militär ist nicht die Lösung. Das war den Nato-Planern schon früh im Einsatz klar. In den Elendslagern längs der afghanisch-pakistanischen Grenze rekrutieren die Taliban und andere Aufständische aus einem unerschöpflichen Reservoir an Kämpfern – ungebildet, aber umso leichter fanatisierbar für den Kampf gegen die Ungläubigen. Dass die Nato ihre Kampftruppen abzieht, ist konsequent. Dass sie für Ausbildungszwecke mit einer Folge- mission im Land bleibt, ebenso. Ob sie ihr Ziel erreicht hat, zumindest einen Zustand von Nicht-Krieg zu schaffen, müssen die nächsten Jahre zeigen. Afghanistan ist auf der Gesamtstrecke eine Angelegenheit der Afghanen. Irgendwann müssen westliche Kämpfer und Ausbilder gehen. Wenn der Westen die Uhr hat, die Afghanen aber die Zeit, ist es jetzt an der Zeit, sie ihnen wirklich zu lassen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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