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EDITORIAL
Jörg Biallas
Der Preis war hoch


Fassungslos blickte die Welt auf die Trümmer des World Trade Center in New York. Wie konnte das geschehen? Wer war dafür verantwortlich? Und vor allem: Was ist zu tun, damit derart grauenhafte Anschläge nicht wieder passieren? Schlagartig war klar geworden, dass religiöser Fanatismus in islamisch geprägten Staaten nicht mehr an Grenzen zu anderen Nationen Halt macht. Bisher hatte das „weltweite Terrornetz“ eine irreale, eine zwar beängstigende, aber doch unvorstellbare Bedrohung beschrieben. Jetzt war gewiss: Hass, Gewalt und die wahnsinnige Überzeugung, das eigene Leben sei für den Glauben an eine neue Weltordnung bedingungslos zu opfern, drohten überall.

Im Lichte dieser Erkenntnis beschloss der Bundestag wenige Wochen später, im November und Dezember 2001, deutsche Soldaten nach Afghanistan zu schicken. Ziel des von der Nato geführten Einsatzes war es, die dort herrschenden Taliban unter Kontrolle zu bringen. Damit sollte der radikale Islamismus der Region bekämpft und der Terrororganisation Al Qaida das Handwerk gelegt werden.

Nach 13 Jahren endet diese Mission zum Jahresende. Das Datum wird zum Anlass genommen zu hinterfragen, ob das Engagement der Bundeswehr ein Erfolg war. Diese Frage ist aber schon deshalb nicht zu beantworten, weil ein Krieg niemals ein Erfolg ist. Und in Afghanistan, das wurde schnell klar, aber spät zugegeben, herrscht Krieg. Der Preis für den Versuch, das Land zur Ruhe zu bringen und die Strukturen einer archaischen Gesellschaft aufzuweichen, ist hoch, sehr hoch. Wie muss es den Angehörigen der getöteten oder den traumatisiert heimkehrenden Soldaten wohl vorkommen, wenn sie jetzt allenthalben hören und lesen, ihr Leid sei umsonst gewesen? Zumal es für diese These genauso wenig Belege gibt, wie für die gegenteilige Behauptung. Niemand weiß doch, wie sich das Land, wie sich der internationale Terrorismus ohne Intervention in Afghanistan entwickelt hätten.

Es ist anzunehmen, dass der Bundestag nach den Erfahrungen der vergangenen 13 Jahre heute in einer vergleichbaren Situation differenzierter als seinerzeit diskutieren und entscheiden würde. Zumal die Angst vor Terror heute weit weniger präsent ist. Daran aber die pauschale Erkenntnis festzumachen, unter dem Strich sei die ganze Afghanistan-Mission ein Desaster gewesen, geht zu weit.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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