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GEDENKJAHR 2014
Heinz Verfürth
Wenn Geschichte Realität wird

Im Lichte der Krisen in der Welt hat sich Deutschlands Identität merklich verändert

Dieses Jahr 1989 hat Europa in einer Weise verändert, wie es selten in einem einzelnen Jahr in der Geschichte durchgreifende und nachhaltige Veränderungen auf unserem Kontinent gegeben hat. Innerhalb weniger Monate hat sich die politische Landschaft Europas grundlegend neu gestaltet.“ Als Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) am 7. November 2014 diese Sätze bei der Eröffnung der Debatte zur friedlichen Revolution vor 25 Jahren im Parlament sagte, da hätte man sie, mit ein paar verbalen Verschiebungen und Datenänderungen, fast genauso über die abgelaufenen Monate von 2014 aussprechen können.

Dabei hatte es zu Beginn noch ganz anders ausgesehen: Eine Häufung von historischen Zäsuren, die intensives Erinnern geradezu herausfordern. Vor 100 Jahren der Beginn des Ersten Weltkrieges, vor 75 Jahren der Auftakt zum Zweiten Weltkrieg und schließlich vor 25 Jahren der Fall der Mauer in Berlin. Eine solche dichte Geschichtskette mit Merkdaten, die Deutschlands Verwerfungen wie Veränderungen im kurzen 20. Jahrhundert kaleidoskopisch bündeln, hat es in einer solchen knappen Zeitfolge wohl selten gegeben. Von einem besonderen Gedenkjahr zu sprechen, war daher nicht übertrieben. Und der Bundestag trug dieser Tatsache auch gebührend Rechnung, indem er sich gleich dreimal den historischen Ereignissen widmete, vor und nach der Sommerpause dem traurigen Erbe des Ersten und Zweiten Weltkriegs und dann natürlich dem außergewöhnlichen Glücksfall des Endes der deutschen Teilung.

Historiker als Stars So gerieten, ein eher ungewöhnliches Phänomen, zunächst renommierte Historiker zu den Stars der Szene. Allen voran der britisch-australische Autor Christopher Clark, der mit seiner „Schlafwandler“-Interpretation über den abschüssigen Weg in den Ersten Weltkrieg zum Publikumsmagneten in überfüllten Sälen avancierte; dicht gefolgt vom Berliner Kollegen Herfried Münkler, der mit seiner Deutung der „Welt von 1914-1918“ im verbalen Furioso vor allem gegen die vorgebliche Alleinschuld-These des Deutschen Kaiserreiches an der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ anwetterte, eine Kontroverse, die die Deutschen seit Jahrzehnten umtreibt. Aber auch die Experten Gerd Krumeich aus Düsseldorf und Jörn Leonhard aus Freiburg waren vielerorts gefragte Diskutanten und Podiumsgäste.

Es war sicher nicht die Forschung allein, die diese Wissenschaftler urplötzlich in die Öffentlichkeit und die Medien katapultierte. Viele ihrer Zuhörer und Leser, wohl auch Sympathisanten und Fans, verbanden mit den professoralen Darstellungen und kenntnisreichen Symbolisierungen ein Stück individueller Sehnsucht nach geschichtlicher Normalität: Nämlich dass Deutschland nicht schlechthin allein das Böse in der Weltgeschichte repräsentiert, sondern auch andere Mächte und Staaten Verantwortung, auch Schuld an den Wirrnissen und Abstürzen im „Jahrhundert der Extreme“ tragen, wie Eric Hobsbawm diese Vergangenheit klassifiziert hat. In dem erstaunlich aufflackernden Geschichtsinteresse vieler Deutscher schwang also durchaus konkrete politische Verortung für die Gegenwart mit. Und diese Gegenwart holte alsbald die Historie ein.

Es ist der Chronist Jörn Leonhard, der seinem historischen Kompendium über den Ersten Weltkrieg den etwas gelehrsam wirkenden Titel „Die Büchse der Pandora“ gegeben hat. Er greift dabei auf die Begebenheit zurück, dass die Kinder von Thomas Mann ein solches Theaterstück aus der altgriechischen Mythologie in der Sommerfrische von Bad Tölz aufführen wollten – und dass die Vorbereitungen zu dem geplanten Wochenendspaß abrupt abgebrochen wurden, weil am 1. August 1914 der „Große Krieg“ begonnen hatte. Die schöne Göttergestalt Pandora, die durch das Öffnen ihrer goldenen Büchse „das Elend in allen Gestalten“ über Erde, Luft und Meere verbreitete: Das wäre der Inhalt der kindlichen Kurzweil im Hause des Dichters Mann vor 100 Jahren gewesen. Was bei diesem Rückgriff auf eine ferne Sagenwelt zunächst als so akademisch gebildet erscheint, bekommt doch – als Schablone auf das Jahr 2014 gelegt – die Bedeutung und den Wert eines klugen Aphorismus. Das Elend in allen Gestalten, das innerhalb weniger Monate weltweit tief in das Bewusstsein der Menschen drang: Ist es nicht die adäquate Beschreibung und solide Summierung zeitgemäßer Befindlichkeiten? Ukraine-Krise, Krim-Annexion, Putin-Eskapaden, IS-Terror in Irak und Syrien, 50 Tage Gaza-Krieg zwischen Israelis und Palästinensern, von den ungelösten „Altlasten“ wie Afghanistan, Somalia, Nigeria, Sudan, Mali zu schweigen, ebenso von den ungeklärten Euro-Problematiken und konstanten EU-Verlegenheiten wie den gescheiterten, inzwischen teilweise blutdurchtränkten Arabellionen. Dazu tödliche Seuchen wie Ebola in Westafrika, virulente Rassenunruhen in den USA, mörderische Drogenkriminalität in Mittel- und Südamerika, zunehmende Naturkatastrophen wie Waldbrände in Australien und Überflutungen durch rasende Taifune in Fernost. Und überall Vertriebene, Flüchtlinge, Asylanten, Heimatlose, nur noch in Millionen zu zählen. Das Mittelmeer, der Deutschen liebes Ferienparadies – ein tausendfaches Massengrab. Amerikas hartgesottener, weil erfahrungsgesättigter ehemaliger Außenminister Henry Kissinger spricht, wohl zu Recht, von einem „Chaos der Weltordnung“, in dem es keine festen Regeln und kompatible Konzepte mehr gebe.

Erinnerung und Krise Bei aller Erinnnerungskultur, der sich der Bundestag 2014 widmete, zwang die Beschleunigung der internationalen Krisendynamik die Berliner Parlamentarier recht drastisch in ihre Entscheidungspflichten. Dieser Dualismus wurde im Hohen Haus geradezu handgreiflich an einem milden Herbsttag. Denn kaum nach der Gedenkstunde am 10. September in Erinnerung an den Beginn des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren bestimmte die brüchige Gegenwart und deren Folgen für die Bundesregierung die Diskussion unter der Reichstagskuppel. Präsident Lammert hatte in seiner Rede dezidiert auf die deutsche Schuld beim Überfall auf Polen am 1. September 1939 hingewiesen und sich bekannt „zu unserer Verantwortung und zu den Lehren, die wir aus dieser Geschichte gezogen haben“. Gleichsam als Echo verlangte der amtierende polnische Staatspräsident Borislaw Komorowski in einem aufrüttelnden Appell eine Debatte „über die Grundwerte, über die ethischen Fundamente“ Europas, mahnte zugleich aber auch die Fähigkeit an, „auf kreative Art und Weise Kompromisse zu schließen, um den vor uns stehenden Herausforderungen die Stirn bieten zu können“. Dabei ließ der prominente Gast aus Warschau keine Ungenauigkeiten aufkommen: „Wird Verständnis für angewandte Gewalt gezeigt, droht Europa eine Niederlage“, fügte Komorowski an. Besinnliche Geschichtsstunde als nützliches Drehbuch?

Wie eine konkrete Handlungsoption in einem grundstürzenden internationalen Krisenszenario für die Bundesregierung aussehen kann, machte dann nur wenig später Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Bundestagsplenum klar: „Wir haben uns entschieden, die Sicherheitskräfte der kurdischen Regionalregierung mit Rüstungsgütern zu unterstützen.“ So knapp und sachlich der Satz daherkommt, er stellt doch einen markanten Einschnitt im außenpolitischen Gestaltungswillen Berlins dar. Zum ersten Mal entschied sich eine Bundesregierung, in einem Bürgerkriegsgeschehen für eine Seite aktiv Partei zu ergreifen, in diesem Fall für die Peschmerga-Krieger in ihrem Kampf gegen die barbarischen Terrortruppen des „Islamischen Staates“ (IS).

Die Reaktionen auf diesen Regierungsbeschluss reichten von Einverständnis und Zustimmung bis zu Veto und Tabubruch, je nach politischem Standort. Aber dass die Berliner Außenpolitik mit dieser Maßnahme eine neue Qualität erhielt, wurde schnell bewusst. Und dass es nicht dabei bleiben würde, die Regierungsentscheidung im Parlament nur zur Kenntnis zu nehmen, zeigt sich in diesen Tagen. Weil die Regierung Merkel den Bundeswehreinsatz zugunsten der Kurden im Nordirak ausweiten will, wird der Bundestag diese Auslandsmission nunmehr mit einem „robusten Mandat“ ausstatten, eine Umschreibung dafür, dass das dortige deutsche Engagement langfristiger und eindringlicher Art ist.

Allerdings hatte das Jahr 2014 mit einem ungewöhnlichen Signal begonnen: Auf der Sicherheitskonferenz im Januar in München forderte Bundespräsident Joachim Gauck in beschwörendem Ton vom eigenen Land mehr Verantwortung und Beteiligung in den Krisenregionen der Welt. „Die Bundesrepublik sollte sich als guter Partner früher, entschiedener und substantieller einbringen.“ Er fügte noch ausdrücklich hinzu: „Manchmal kann auch der Einsatz von Soldaten erforderlich sein.“ Mit diesem Anspruch wurde Gauck, noch vor Ort, von Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) und Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU), demonstrativ gestützt und unterstützt, eine konzertierte Aktion rarer Konstellation.

Wechsel der Epoche Dass die präsidialen Zumutungen nach der medialen Erregungswelle nicht verschwanden, sondern hingegen einen öffentlichen Dauerbrenner in Gang setzten: Dafür sorgte dann die Entwicklung der internationalen Agenda. Die militärischen Abläufe in und um die Ukraine, von Putins Machtwillen wie Intransigenz immer wieder befeuert, und die kontinuierliche Eskalation von Gewalt und Terror in Nahost, mit der sich in dieser Zone ein entmenschlichter Fanatismus ausbreitet und festsetzt, sind deutliche Markierungen eines Epochenwechsels. Was nach der Zeitenwende 1989/90, nach niederschmetternden Erfahrungen und traumatischen Verstörungen aus der Geschichte gebannt schien, nämlich Konkurrenz, Kontroverse, Konfrontation, Konflikt, Krieg, kehrt nun, mit ein paar anderen ideologischen Vorzeichen und geistigen Versatzstücken, in den politischen Alltag zurück. Das „Ende der Geschichte“, womit der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama das Obsiegen der demokratisch-freiwirtschaftlichen Ordnung über das sozialistisch-repressive Zwangssystem begrifflich zu fassen suchte, erscheint im heutigen Kontext wie eine abnorme Spuklegende. In fast schon paradoxer Einmütigkeit warnen Henry Kissinger wie Michail Gorbatschow, Helmut Kohl wie Helmut Schmidt vor den Risiken, ja der „Tragödie“ eines neuen Kalten Krieges.

Identität im Wandel Unter der Wucht der veränderten politischen Dramatik wandelt sich auch Deutschlands Identität, nach außen und innen. Das unterscheidet die aktuellen Zuspitzungen von den früheren Anspannungen: Unter den drückenden Hypotheken der verkorksten und lange auch verleugneten Vergangenheit war letztlich die Option nie umstritten, in welchem Systemumkreis man sich für eine erträglichere Zukunft besser aufgehoben fühlen konnte. Der Historiker Heinrich August Winkler hat sie in der Metapher „vom langen Weg nach Westen“ auf den Punkt gebracht. Die fast unumstößliche Gewissheit dieser Richtung bildete den Kern der soliden, zuweilen auch langweiligen Stabilität der bundesdeutschen Demokratie.

Das ist jetzt anders. Wenn nicht alle Zeichen trügen, gerade die auf den Straßen und Plätzen, hat sich Deutschland unter dem Eindruck zunehmender Ungleichzeitigkeiten und beängstigender Unsicherheiten in der internationalen Politik nunmehr auf den Weg zu einer neuen Selbstfindung gemacht. Dadurch gerät das innere Gefüge der Bundesrepublik in Bewegung wie nie zuvor. Politische Grenzen, auch Abgrenzungen verschieben sich, Bündnisse zerfallen und setzen sich anders wieder zusammen, Verbindungen formieren sich, denen vormals jede Haltekraft gefehlt hätte. Der jüngste Aufruf „Wieder Krieg in Europa? Nicht in unserem Namen!“, zu deren Unterzeichnern 60 bekannte Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Medien zählen, spiegelt diese Irritationen und Verworfenheiten. Immerhin appelliert er an die Bundestagsabgeordneten, „aufmerksam über die Friedenspflicht der Bundesregierung zu wachen“.

Das Gedenkjahr 2014: Die Erinnerung sucht sich andere Trampelpfade für das politische Morgen. 

Der Autor ist freier Journalist in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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