Inhalt

GESUNDHEIT
Claus Peter Kosfeld
Letzte Chance

Für viele Paare erfüllt sich der Kinderwunsch nicht. Die moderne Medizin bietet wichtige Hilfestellungen

Wenn Kinder geboren werden, ist das für Familien fast immer ein unvergesslicher und glücklicher Moment. Im vergangenen Jahr sind in Deutschland 682.000 Babys zur Welt gekommen. Über die Kinder, die jedes Jahr nicht geboren werden, obwohl sich Frauen und Männer nichts sehnlicher wünschen als Nachwuchs, wird ungern gesprochen. Fruchtbarkeitsstörungen sind ein Tabu-Thema, sie werden mit Versagensängsten und Schuldgefühlen verknüpft, sie machen traurig, ratlos und bisweilen verzweifelt. Manche Paare warten jahrelang vergebens auf Kinder, fast jedes zehnte Paar hierzulande soll ungewollt kinderlos sein, von sechs Millionen Betroffenen ist die Rede.

Die Ursachen sind unterschiedlich, was die betroffenen Frauen und Männer zumeist eint, ist die Hoffnung auf künstliche Befruchtung. Eine solche Behandlung ist nicht ohne Risiko, auch nicht billig und ein Erfolg nicht garantiert, aber es ist eine Chance der modernen Reproduktionsmedizin, die viele Paare nicht ungenutzt lassen wollen. Die Krankenkassen beteiligen sich daher an den Kosten, aber nur, wenn Paare verheiratet sind und ihr eigenes Erbgut verwenden (homologe Insemination). Das ist aus Sicht der Opposition diskriminierend gegenüber unehelichen und verpartnerten Paaren, obgleich Gerichte das in Grundsatzurteilen anders gesehen haben. Die Grünen haben nun einen Gesetzentwurf (18/3279) vorgelegt, wonach künftig ,,neben verheirateten auch verpartnerte sowie nicht formalisierte Paare für Maßnahmen der homologen oder heterologen künstlichen Befruchtung einen gesetzlichen Anspruch auf partielle Kostenübernahme durch die gesetzliche Krankenversicherung“ bekommen sollen. Die Plenardebatte darüber geriet vergangene Woche zu einer überraschend offenen und grundsätzlichen Aussprache. Die Grünen-Abgeordnete Katja Dörner nannte die gesetzliche Grundlage „überholt und nicht zeitgemäß“. Das Ziel bestehe in gleichen Chancen auf Elternschaft für alle, zumal nicht belegt sei, dass nur die Ehe dem Kindeswohl diene. Immerhin würden Tausende Ehen jedes Jahr geschieden. Das Familienleben sei heute generell „bunt“, die Vielfalt müsse sich auch in den Gesetzen wiederfinden.

Hubert Hüppe (CDU) wies darauf hin, dass sich der Erfolg solcher Eingriffe in Grenzen halte. So habe es 2013 mehr als 80.000 Behandlungszyklen gegeben, aber nur 10.000 Geburten. Hüppe warf die Frage auf, weshalb Partner nicht gleich heirateten, wenn der Kinderwunsch so enorm sei. Bei lesbischen Paaren sei fraglich, ob es eine nennenswerte Zahl von Fällen gebe, die von einer erweiterten Kostenübernahme profitieren würden. Er sprach sich dafür aus, besser über familienrechtliche Probleme zu diskutieren.

Linke will mehr Die Linke schloss sich den Forderungen der Grünen an, ging aber einen Schritt weiter. Kathrin Vogler wies darauf hin, welch enorme Belastung ein unerfüllter Kinderwunsch für Paare sein könne. Die künstliche Befruchtung sei oftmals die letzte Chance auf eigene Kinder. Mit dem Gesetzentwurf solle eine Form von Diskriminierung beendet werden. Der Union warf sie ein „steinzeitliches Familienbild“ vor. Nach Ansicht der Linken sollten die Kassen die kompletten Kosten für eine künstliche Befruchtung übernehmen und nicht nur 50 Prozent oder freiwillig etwas mehr, wie in einigen Fällen.

Die SPD-Abgeordnete Mechthild Rawert sagte, die rechtlichen Grundlagen hätten sich in vergangenen 20 Jahren kaum geändert, dafür aber die gesellschaftlichen Erwartungen, wie und ob Fortpflanzungstechnik angewendet werden dürfe. Immerhin sei es heute auch möglich, Erbgut einfrieren zu lassen und später zur Reproduktion zu nutzen. Rawert wies darauf hin, dass eine Öffnung der Förderrichtlinie zugunsten nicht verheirateter Paare bereits erwogen werde.

Katja Leikert (CDU) erinnerte wie andere Redner daran, dass unter rot-grüner Regierung 2003 der Zuschuss auf 50 Prozent gesenkt worden sei. Nun kämen die Grünen vor Weihnachten mit dem Wunschzettel. Leikert forderte eine kritische Debatte über die Reproduktionsmedizin und lehnte Zuschüsse für Samenspenden von Dritten kategorisch ab. Die Frage nach dem biologischen Vater sei „tiefgehend“. Zudem müsse nicht alles, was medizinisch machbar sei, von der Gemeinschaft mitgetragen werden. Harald Terpe (Grüne) erwiderte, es gehe nicht um Leihmutterschaft oder Fremdsamenspenden, sondern um eine Frage der Gleichbehandlung.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2020 Deutscher Bundestag