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China
Christiane Kühl
Später Sinneswandel

Die Nation will weniger Kohle verbrauchen und Elekroautos fördern. Smog macht den Leuten Angst

Zunächst erschien alles wie immer. China führte den Club der Blockierer an. Die Entwicklungsländer protestierten erfolgreich gegen den Plan der Europäer und der USA, die Aufstellung nationaler Klimaziele für die Konferenz in Paris zu standardisieren und damit öffentlich und vergleichbar zu machen. Am Ende stand ein Kompromiss. Der Durchbruch in Lima lag anderswo: Dass China und andere Entwicklungsländer erstmals nicht mehr auf einer vertraglich abgesicherten Trennung zwischen armen und reichen Ländern beharrten – und nur letztere einen Beitrag leisten müssen. Das Dokument beinhaltete gar eine Formulierung aus dem Klima-Abkommen Chinas mit den USA vom November: Dass die Pflichten für künftigen Klimaschutz basieren sollen auf „gemeinsamen, aber differenzierten Verantwortlichkeiten“ gemäß den unterschiedlichen Fähigkeiten einzelner Länder. Somit war eben doch nicht alles wie immer.

Auf ihrem Gipfeltreffen in Peking hatten Chinas Präsident Xi Jinping und sein US-Amtskollege Barack Obama überraschend feste Klimaziele vereinbart. Demnach wollen die USA bis 2025 ihren Ausstoß von Treibhausgasen um 26 bis 28 Prozent gegenüber 2005 senken. Chinas Emissionen sollen ab 2030 zu sinken beginnen. Eine solche Festlegung hatte China bisher mit dem Verweis auf sein noch zu niedriges Pro-Kopf-Einkommen abgelehnt. „Durch das Abkommen bekommt der Klimaschutz Priorität in den wichtigsten bilateralen Beziehungen der Welt“, sagt Li Shuo, Klima-Experte von Greenpeace East Asia. Die USA und China stoßen gemeinsam fast 40 Prozent der globalen Treibhausgase aus; China ist seit 2006 der größte Emittent der Erde, die USA sind die Nummer Zwei.

Smog und Dreck China hat lange international verbindliche Umweltziele abgelehnt. Trotzdem bemüht sich Peking seit einigen Jahren verstärkt um Umwelt- und Klimaschutz. 2011 gab China bekannt, den Ausstoß von Treibhausgasen pro Einheit des Bruttoinlandsprodukts bis 2015 um 17 Prozent zu senken. Bis Ende 2013 ist dieser Ausstoß nach offiziellen Daten bereits um 10,68 Prozent gefallen. Die Energieintensität der Produktion geht ebenfalls zurück. China muss schon aus eigenem Interesse etwas tun. Der wirtschaftliche Boom hat eine Spur der Umweltzerstörung hinterlassen: Die meisten Großstädte ersticken im Smog, die Flüsse sind verdreckt, und der gesamte Norden des Landes leidet seit Jahren unter akuter Wasserknappheit. Dass die Zahl der Dürren in den ariden Landesteilen steigt, schreiben viele Experten auch dem Klimawandel zu. Hauptfaktor für den Dreck in der Luft und die hohen CO2-Emissionen Chinas ist der hohe Anteil der Kohle im Energiemix von 65 Prozent. Zwischen 2000 und 2010 ist der Kohleverbrauch Chinas jedes Jahr im Schnitt um neun Prozent gestiegen, heißt es in einer Greenpeace- Studie mit dem Titel „Das Ende von Chinas Kohleboom“, die Li Shuo mit verfasst hat. Der größte Teil der Kohle wird im Norden und Nordwesten gefördert und verstromt – weshalb die Städte mit den miesesten Luftwerten im Norden liegen.

Problem Kohle Doch Greenpeace sieht erste Anzeichen eines Wandels. Schon 2012 legte der Kohleverbrauch nur noch um 2,8 Prozent zu. 2013 wurden die Provinzen zur Drosselung ihres Kohlekonsums gezwungen. Sechs Provinzen haben bereits konkrete Reduktionsziele erlassen: Bis 2017 werden Peking, Shaanxi, Hebei, Shandong, Chongqing und Tianjin ihren Verbrauch zwischen fünf Prozent (Shandong) und 50 Prozent (Peking) senken. Shandong – eine Provinz mit mehr als 100 Millionen Einwohnern – ist der größte Kohlekonsument des Landes. Auch die Produktionszentren um das Yangtze-Delta bei Schanghai sowie das Perlflussdelta im Süden arbeiten an Reduktionszielen. Laut Greenpeace gab es zwei Auslöser für diese Abkehr von der Kohle. Im Oktober 2011 hing wochenlang Smognebel über China – das verursachte die erste große Debatte in den Medien. Nur die US-Botschaft in Peking veröffentlichte damals Luftwerte, und nur für die Hauptstadt. Im Dezember 2011 sagte die Regierung zu, in den Großstädten Feinstaubwerte bekannt zu geben.

Nach dem als „Airpocalypse“ bekannt gewordenen Rekordsmog vom Januar 2013 gewann die Debatte zusätzlichen Schwung. Bürger empörten sich über den Dreck, und Medien forderten Lösungen. Im September 2013 erließ die Zentralregierung dann den „Aktionsplan zur Vermeidung und Kontrolle von Luftverschmutzung“ und verdonnerte jene Provinzen, die am meisten Dreck in die Luft blasen, dazu, alte Schwerindustrieanlagen zu schließen oder zu modernisieren.

Neuer Trend Die Chinesen haben die Dreckluft lange als nötige Begleiterscheinung des Wohlstandes abgetan. Doch seit der „Airpocalypse“ ist ein Bewusstsein für die Gesundheitsgefahren entstanden. Viele Städter gucken heute täglich auf ihre Luftwerte-Apps. Bei Smog tragen immer mehr Chinesen Atemmasken. Schulen sagen bei schlechter Luft Sportaktivitäten im Freien ab. „Ich bin froh, Südchinesin zu sein. Im Norden könnte ich nicht leben, die Luft ist zu schlecht“, sagt die Angestellte Wang Min aus der südostchinesischen Küstenstadt Fuzhou, atmet tief ein, und muss lachen. Vor ein paar Jahren hätten sich die an subtropisches Klima gewöhnten Südchinesen höchstens an den kalten Wintern des Nordens gestört.

Globale Wirkung Noch ist unklar, ob die Trendwende langfristig wirkt. Derzeit werde heftig diskutiert, wieviel Kohle China während des kommenden Fünfjahresplanes (2016-2020) verbrauchen will, sagt Li Shuo. „Das hier gesetzte Ziel wird ein entscheidender Hinweis auf die Ambitionen Chinas sein – oder auf fehlende Ambitionen.“ Welchen Weg China einschlägt, ist entscheidend für das globale Klima, sind die Greenpeace-Forscher überzeugt. Chinas Kohleverbrauch sei hier „der wichtigste Einzelfaktor“, schreiben Li Shuo und sein Ko-Autor in ihrer Studie. Von 2002 bis 2012 sei mehr als die Hälfte der Zunahme aller globalen Treibhausgas-Emissionen auf den wachsenden Kohleverbrauch in China zurückzuführen gewesen. Umso größer ist der Effekt von weniger Kohle: Würden die sechs oben genannten Provinzen ihre Ziele erreichen, würde China nach Greenpeace-Berechnungen allein damit bis 2017 rund 230 Millionen Tonnen CO2 weniger ausstoßen – das entspricht knapp der Hälfte der gesamten Reduktion der EU während der Laufzeit des Kyoto-Klimaprotokolls. Die möglichen Einsparungen aller Provinzen schätzt Greenpeace gar auf rund 700 Millionen Tonnen CO2 bis 2017.

Dass Ministerpräsident Li Keqiang den „Krieg gegen die Luftverschmutzung“ ausgerufen hat, erhöht den Druck auf die meist widerspenstigen Provinzfunktionäre. Parallel fördert China erneuerbare Energien. Nicht-fossile Brennstoffe sollen bis 2015 mit 11,4 Prozent zum Energiemix beitragen. Bis 2030 sollen es laut dem US-China-Abkommen etwa 20 Prozent sein. Ende 2013 waren es 9,8 Prozent. Dazu gehören neben Wind und Solar auch Wasser- und Atomkraft. Der Bau großer Dämme an den Oberläufen der Flüsse im Westen ist aber umstritten. Den Aufbau von Atomkraftwerken betrachten ebenfalls viele Beobachter mit Skepsis. Für Wind- und Solarstrom garantiert ein am deutschen Modell angelehntes Einspeisegesetz feste Abnahmepreise. Das US-China-Abkommen werde eine große Rolle für den Aufbau dieser Energieformen spielen, heißt es aus dem Chinesischen Windenergieverband (CWEA). Der Verband meint, dass sich in China und den angrenzenden Meeren bis 2030 Windräder mit einer Kapazität von 600 Gigawatt drehen könnten. Ende Juni 2014 waren es 99 Gigawatt. Arbeiten muss China aber noch daran, alle neuen Anlagen an das Stromnetz anzuschließen. In den nächsten Jahren sollen außerdem Millionen alte Autos von den Straßen verbannt werden. Ferner soll der Ausbau der Elektromobilität gegen Smog helfen. Bis 2020 will die Regierung fünf Millionen Elektroautos auf den Straßen haben. Von Januar bis Oktober 2014 produzierten die Hersteller 47.000 Elektroautos und Plug-in Hybride und damit fünf Mal so viele wie im Vorjahreszeitraum. Manche Städte setzen parallel auf die Elektrifizierung von Nutzfahrzeugen. Derzeit gebe es in Peking etwa 6.000 elektrische städtische Fahrzeuge – etwa zur Stadtreinigung – und E-Busse, sagt Sun Fengchen, Direktor des Nationalen Ingenieurbüros für Elektroautos am Beijing Institute of Technology. „Allein die 300 Elektrobusse sparen jedes Jahr netto den Ausstoß von 18.900 Tonnen CO2 ein.“

Der chinesische Delegationsleiter Xie Zhenhua sagte in Lima zu, die Klimaziele für die Paris-Konferenz schon im ersten Quartal 2015 vorzulegen. China werde versuchen, vor 2030 den Scheitelpunkt bei den Emissionen zu erreichen und mit der Senkung zu beginnen, sagte Xie. Zudem wolle China einen Süd-Süd-Fonds auflegen, um andere Länder beim Klimaschutz zu unterstützen. Der Fonds werde nach Marktprinzipien arbeiten und den Partnern helfen, eigene Kapazitäten aufzubauen. So könnte China einmal Vorreiter für Entwicklungsländer sein.

Die Autorin berichtet als freie Asien-Korrespondentin aus Peking.

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