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Ehe
Michael Klein
Nur die Liebe zählt

Die Einstellungen ändern sich seit der Romantik

Verliebt – verlobt – verheiratet: Dieser Kinderreim ist in vielen Patchworkfamilien fast schon in Vergessenheit geraten, gab aber gleichwohl dem Buch von Monika Wienfort den Titel. Darin schildert sie die Geschichte der modernen Ehe seit der Romantik. Und sie lässt in ihrem facettenreichen und lesenswertem Werk kein Thema aus, das mit der Ehe verbunden ist: Sie behandelt Rechtsfragen, regionale Heiratsmuster, Hochzeitsgeschenke, Heiratsannoncen, die Schwiegermutter sowie Gesetz und Sitte.

Freie Entscheidung Dabei wird deutlich, dass sich im 19. Jahrhundert die Einstellung der Ehe fundamental änderte. Da werden einerseits die rechtlichen Bestimmungen über die Ehe immer präziser, in dem Name, Wohnsitz, Mitgift und Erbschaftsfragen geklärt werden, andererseits wird die romantische Liebe erstmals zum Motiv einer Verbindung. Unter den patriarchalischen Bedingungen des 19. Jahrhunderts bedeutete deshalb die Liebe für die Frauen eine erste Möglichkeit zu freier Entscheidung.

Besonders anschaulich wird dies in den fünf Kapiteln über auch heute noch bekannte Ehepaare und ihre gemeinsames Leben. Da geht es um Caroline und Wilhelm von Humboldt, Clara und Robert Schumann, das Kaiserpaar Victoria und Friedrich III., Katia und Thomas Mann und Freya und Helmut James von Moltke.

Wienfort konstatiert am Ende ihrer Geschichte der Ehe, dass sich diese „in einem Prozess der Individualisierung zu einer reinen Liebesfrage entwickelt“ habe, „in der es um die Dichotomie von Freiheitsgewinn und Abhängigkeit geht“. Die Liebe habe in der Epoche seit der Romantik an Bedeutung gewonnen, weil geliebt zu sein eine „persönliche Anerkennung“ bedeute und ein „positives Selbstwertgefühl“ verschaffe; die Ehe sei „als eine Möglichkeit, das Geliebtwerden sozial zu dokumentieren“, erkannt worden und bleibe daher bis heute eine wichtige Institution.

Doch diese Institution scheint zu bröckeln, wie die Historikerin feststellt. Jede dritte Ehe in Deutschland wird geschieden. Immer mehr Paare heiraten erst gar nicht, ziehen nicht einmal mehr zusammen: 40 Prozent aller Haushalte sind Ein-Personen-Haushalte. Noch gibt es 18 Millionen Ehepaare in Deutschland, aber auch schon 2,7 Millionen Alleinerziehende. Während die Ehe einst mit bestimmten Lebensvorstellungen eng verknüpft war, so haben sich diese Verbindungen inzwischen bei vielen aufgelöst.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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