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Alexander Heinrich
Urknall in Teheran

Peter Scholl-Latour über den »Fluch der bösen Tat«

Sag, wie hältst Du es mit Putin? Peter Scholl-Latour, der im August 90-jährig verstarb, hatte dazu eine eindeutige Haltung. Mag man Russlands Präsidenten als expansionssüchtigen Autokraten oder als glühenden Patrioten einordnen, selten sei ihm ein „dümmerer Ausdruck“ begegnet, als der Vorwurf, ein „Putin-Versteher“ zu sein.

„Der Fluch der bösen Tat“ ist der Titel des letzten Werks des unermüdlichen Welterkunders. Ob Ukraine, Syrien oder Irak – das heillose Durcheinander ethnischer, religiöser und ideologischer Konflikte ordnet Scholl-Latour gewohnt souverän in historischen Analysen ein, unterfüttert durch den Augenschein und die Wiedergabe seiner Gespräche mit Akteuren. Seine These: Solche Konflikte sind immer auch Teil eines „Great Game“, eines „Versteckspiels der Weltpolitik“ – und so mancher Faden des Knäuels führe in den Westen.

Kette des Versagens „Utopisch“ mutet für Scholl-Latour die Vorstellung einer demokratischen Neuordnung des Orients an. Eine Kette des Versagens und des Wunschdenkens durchziehe die Interventionen des Westens – angefangen von den Grenzziehungen der Kolonialmächte nach dem Ersten Weltkrieg bis hin zum Irak-Krieg. Als „Fluch der bösen Tat“ gilt ihm der Sturz des iranischen Regierungschefs Mossadeq im Jahre 1953 mit der Hilfe der USA: „Hier fand der Urknall statt für die endlose und tragische Gegnerschaft“ zwischen Teheran und Washington.

Immer wieder kommt der Autor auf die Spaltung der islamischen Welt zurück, die er in eine „alte Todfeindschaft zwischen des Kalifats der Omayyaden und der Abbassiden“ einbettet. So gesehen erscheint der Krieg in Syrien und im Irak im Lichte eines alten religiösen Bruderzwistes, als Versuch sunnitisch geprägter Länder eine „schiitische Landbrücke“ zwischen Levante und Persischem Golf zu verhindern.

Kritiker haben Scholl-Latour oft einen kalten Blick vom Feldherrenhügel vorgeworfen. In seinem letzten Werk zeigt er sich als ein dem Orient zutiefst zugewandter Beobachter, der weniger „westliches Wunschdenken“ und mehr „psychologisches Einfühlungsvermögen“ in Mentalität und Geschichte der anderen einfordert.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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