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digitale welt
Hans Krump
Großer Bruder überall

Stefan Aust und Thomas Ammann schreiben ein aufrüttelndes Buch über die Gefahren des Internets

Die digitale Revolution verändert die Menschheit ähnlich tiefgreifend wie die Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Mit rasender Geschwindigkeit bewegen wir uns in die Welt von Big Data, künstlicher Intelligenz und neuartiger Kommunikationsmöglichkeiten wie Technikversprechen. Aber all das birgt auch riesige Gefahren der totalen Kontrolle aller Bürger, was spätestens die Enthüllungen Edward Snowdens der Welt vor Augen geführt haben. Über diese Schattenseiten des Internets haben Stefan Aust und Thomas Ammann ein Buch („Digitale Diktatur“) verfasst. Es ist gut recherchiert und bietet eine nützliche Zusammenstellung des komplexen Themas. Aust, „Welt“-Herausgeber und Ex-„Spiegel“-Chefredakteur, sowie Ammann, „Stern“-Vizechefredakteur, spannen den Bogen von der Internet-Entstehung, den ersten Hackeraktivisten, illegalen Aktivitäten von Geheimdiensten bis hin zu den Daten-Kraken wie Google und den Visionen künftiger Cyberkriege.

Das Buch beginnt mit dem Schock in den USA nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 und dem Aufbau eines riesigen digitalen Überwachungssystems durch den US-Geheimdienst NSA. Amerikanische Internetkonzerne wie Google, Facebook, Apple, Twitter oder Microsoft wurden gezwungen, ihre Daten den US-Sicherheitsbehörden zur Verfügung zu stellen. Somit haben die Schlapphüte von jenseits des Atlantiks Zugriff auch auf die Daten jedes Deutschen, dessen Internetaktivitäten über amerikanische Server geleitet werden – was Abermillionen betrifft bis hin zum Handy von Kanzlerin Angela Merkel (CDU).

„Wir können davon ausgehen, dass die im Grunde alles überwachen, was wir digital tun“, sagt Aust. Zu den Stärken des Buchs gehören die Gespräche mit den ersten Cyber-Dissidenten aus dem NSA-Apparat, William Binney und Thomas Drake. Die Whistleblower geben tiefe Einblicke in den Ausbau der gigantischen Infrastruktur des NSA-Überwachungssystems. Auch andere Länder werden thematisiert, so der „hemmungslose Datenklau“ chinesischer Internetspione bei westlichen Firmen.

Für die Autoren ist der alles überwachende „Big Brother“ aus Orwells düsterem Zukunftsroman „1984“ längst da, als „Big Data“. Aber: „Gegen Big Data ist Big Brother ein Zwerg“, schreibt Aust. Erleichtert wird der Raubzug gegen die Daten aber durch den modernen Bürger selbst. Längst vorbei sind die Zeiten des Bürgeraufstands gegen die bundesdeutsche Volkszählung Anfang der 1980er Jahre. Heute twittern, googeln oder facebooken vor allem die mit dem Internet aufgewachsenen jungen „Digital Natives“ drauf los und stellen dabei bedenkenlos ihre Daten ins Netz. „Wissen wir auch, worauf wir uns da eingelassen haben und wohin das möglicherweise führen wird?“, fragen Aust und Ammann. Wieviele Smartphone-Besitzer sind sich der Fähigkeiten dieses „Spions in der Hosentasche“ bewusst, der uns mit Mailen, Twittern, Googeln wie mit Mikrofon, Kamera oder Ortungs-App zum gläsernen Bürger auf der Straße macht. So wissen große Internet-Konzerne und Geheimdienste mittels immer feinerer Algorithmen längst Bescheid über die Gewohnheiten von Millionen Bürgern.

Die Gefahren auch des politischen Missbrauchs dieser ewig gespeicherten Daten sind groß, sagt Ammann: „Wir liefern ein Instrumentarium, das für jede Diktatur der Welt – und wir können ja nicht ausschließen, dass es auch in unseren Bereichen wieder einmal eine Diktatur gibt – sofort einsatzbereit ist.“ Die Autoren sehen in der „totalen Kontrolle, der der Mensch sich teils freiwillig, teils unfreiwillig hergibt, eine Art von Diktatur“. Und zwar die „strengste Diktatur, was Überwachung anbetrifft, die es jemals auf dieser Erde gegeben hat“. Wobei der neue „Big Brother“ heute auch „im Gewand des freundlichen Alltagshelfers daherkommt“, wenn das Paket der mit unseren Daten gespickten US-Firma Amazon vor der Haustür steht. Gegen solche Gefahren mahnen Aust und Ammann eine Art „Gesellschafts-Update“ an. „In dem Maße, in dem sich unser Leben und unsere Persönlichkeit mehr und mehr im Internet abbilden, müssen die digitalen Persönlichkeitsrechte Schritt halten.“ Das „digitale Ich“ müsse vergleichbare Rechte genießen wie das „reale Ich“. Dazu gehöre auch die vollständige Kontrolle über die gespeicherten Daten.

An dieser Stelle wäre eine ausführliche Beleuchtung des Aspekts des letztlich industriepolitischen Großkonflikts zwischen den monopolartigen amerikanischen IT-Firmen und der hier weitgehend hilflosen EU nützlich gewesen. Bisher diktieren auf diesem Feld die US-Giganten die Spielregeln. Seit der Debatte nach Snowdens Enthüllungen wird deren heile Welt empfindlich gestört. Die Lobbyisten des digitalen Amerika beschwören „Gefahren für das freie, offene Internet“. Aber letzteres wäre gar nicht in Gefahr, wenn Daten in Europa nicht über außereuropäische Wege weitergeleitet werden. Für die Datensicherheit und gegen Großmächte-Spionage wären ein „Schengen-Routing“ und eine souveräne europäische IT-Industrie Voraussetzung. Und in Deutschland endlich Gesetze, die dem technisch Machbaren im rasant fortschreitenden IT-Bereich Schritt halten. Angesichts heutiger technischer Möglichkeiten und des ungehemmten Gebarens von Staaten wie Konzernen mag die Forderung eines „digitalen Ichs“ utopisch klingen. Aber die Geschichte zeigt, dass alle Gegenwehr gegen vermeintlich übermächtige Gegner zunächst aussichtslos erschien.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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