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GEHEIMDIENST
Johanna Metz
Grüße an die Genossen

Wie die Stasi Oppositionelle und die eigenen Leute am Telefon belauschte

„Horch-und-Guck“ – so nannte der DDR-Volksmund das Ministerium für Staatssicherheit, kurz Stasi. Dass der Geheimdienst Bürger ausspähte, ist nicht neu. Bekannt ist auch, dass er Telefonate abhörte. In welchem Ausmaß das aber geschah, offenbaren erst jetzt zwei Forscher aus der Stasi-Unterlagenbehörde. In ihrem mehr als 1000 Seiten starken Buch „Fasse Dich kurz“ machen Ilko-Sascha Kowalczuk und Arno Polzin Abhörprotokolle und Hintergründe der Schnüffelei erstmals öffentlich. Ein heikles Unterfangen: Die Abhöraktionen der Stasi waren auch nach DDR-Recht meist illegal und nur in Ausnahmefällen durch eine Staatsanwaltschaft angeordnet. Nach der Wende galt es, die Persönlichkeitsrechte der Opfer zu wahren.

Acht Jahre brauchten die Herausgeber deshalb, um das Projekt zu realisieren. Sie wählten 150 Dokumente aus und holten von den mehr als 250 Belauschten die Erlaubnis ein, sie auswerten und veröffentlichen zu dürfen. Herausgekommen ist ein Bericht, der interessante Einblicke nicht nur in die Schnüffelmethoden der Stasi, sondern auch in das Wirken der DDR-Opposition in letzten Jahren vor dem Mauerfall gewährt. Protokolliert sind Gespräche, die Bürgerrechtler wie Bärbel Bohley, Wolfgang Templin oder Gerd Poppe mit Unterstützern und Freunden im Westen und in Osteuropa geführt haben. Sie dokumentieren Zerwürfnisse, Missverständnisse und Ängste, aber auch erstaunlichen Mut. Und sie zeigen, wie geschickt die Oppositionellen die Lauscher für ihre Zwecke einspannten – denn dass sie belauscht wurden, war ihnen völlig klar. „Wir haben in nahezu jedem Gespräch Grüße an die Genossen ausgerichtet“, erzählte Templin einmal, und Poppe berichtete: „Vieles von dem, was da besprochen wurde, konnte und sollte die Stasi wissen. Man musste ja nicht unbedingt erwähnen, wo das Kopiergerät steht, das Petra Kelly mitgebracht hat.“

Kostbares Wissen Der Staatssicherheit ging es nicht nur um Informationen über die Pläne und Strategien der DDR-Opposition. Sie wollte auch Privates erfahren. Ehekrisen, Seitensprünge, Alkoholprobleme – Wissen, das die Stasi nutzte, um Menschen unter Druck zu setzen und Psychogramme zu erstellen. Sie waren Basis für „Zersetzungmaßnahmen“ mit denen Andersdenkende im SED-Staat mürbe gemacht werden sollten.

Dafür scheuten die Lauscher keinen Aufwand. In der zuständigen Abteilung 26 in Ost-Berlin arbeiteten 436 Mitarbeiter rund um die Uhr im Schichtdienst. Weil Tonbänder Mangelware waren, mussten sie rasch wieder bespielt werden, nur jedes zehnte Gespräch wurde protokolliert. Oft schrieben die Mitarbeiter nur Zusammenfassungen. Die Qualität der Mitschnitte war wegen der knackenden und rauschenden Leitungen miserabel, die Auswertung entsprechend schwierig.

Von einer Komplettüberwachung war die Stasi weit entfernt, wie der Bericht offenbart. Das DDR-Telefonnetz war marode, lediglich 4.000 Leitungen konnten gleichzeitig abgehört werden. Die Überwachung konzentrierte sich daher auf drei Gruppen: Oppositionelle sowie Stasi-Mitarbeiter und Kader mit Westkontakten; das Misstrauen untereinander war offenbar groß.

Den erhofften Nachweis, dass die DDR-Opposition vom Westen aus gesteuert sei, konnte der Geheimdienst auch durch das Mithören nicht erbringen. Denn: Eine solche Lenkung hat es nicht gegeben. Zu diesem Schluss kamen die Stasi-Forscher nach Auswertung der Akten. 

Aus Politik und Zeitgeschichte

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