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EUROPA
Jörg Biallas
Ein bissiges Plädoyer

Joschka Fischer analysiert die gegenwärtigen Krisen

Europa lebt in und mit der Krise. Diese Erkenntnis ist keineswegs neu und ebenso wenig spektakulär wie die gelegentlich vernehmbare Folgerung, dass es weiterhin großer Anstrengungen bedarf, das Krisendasein zu überwinden, will Europa nicht an Einfluss auf der Weltbühne verlieren. Gleichfalls ist bekannt, dass es das Lager derer gibt, die in einer stärkeren Einheit und Einigkeit den Schlüssel sehen, die Probleme des Kontinents zu überwinden.

Diesem Lager fühlt sich Joschka Fischer, ehemals Vordenker und Frontmann von Bündnis 90/Die Grünen, zugehörig. Auch das überrascht wenig. Denn als Außenminister der rot-grünen Bundesregierung unter Kanzler Gerhard Schröder (SPD) hat Fischer immer wieder als überzeugter und überzeugender Europäer agiert. Also liefert das neuestes Werk des Mannes, der sich nach seinem Ausscheiden aus der aktiven Politik der Interpretation der außenpolitischen Zeitläufte verschrieben hat, klare Antworten auf die im Buchtitel formulierte Frage „Scheitert Europa?“.

Diese Antworten beginnen in der Regel mit einem „Ja, jedenfalls wenn nicht ...“ und bestechen durch klar formulierte Schlussfolgerungen, denen eine präzise Analyse historischer Abläufe vorausgegangen ist. Europa, durch die übrigens keinesfalls überwundene Finanzkrise ohnehin ins Straucheln geraten, belaste nach der russischen Aggression in der Ukraine auch noch eine strategische Sicherheitskrise. Die Union erhalte dadurch eine neue, eine machtpolitische Dimension. Die russische Expansionspolitik sei eine strategische Kampfansage an die aktuelle europäische Ordnung; folglich sei „Putins Kriegspolitik“ auch eine Gefahr für das europäische Projekt, schreibt Fischer. Als Ausweg betrachtet der Autor ein starkes Deutschland, das sich im Zusammenspiel mit Frankreich seiner wirtschaftlichen Kapazitäten besinnt und die Rolle als europäische Zentralmacht ausfüllt.

Das Werk ist ein bissig vorgetragenes Plädoyer für mehr Selbstbewusstsein und Reformbereitschaft in der Europäischen Union. Auch wer anderer Meinung als Fischer ist, sollte sich die Lektüre des Buches nicht entgehen lassen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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