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Aschot Manutscharjan
Kurz rezensiert

Mit "Die Zeit der Gegenwart" krönt der Berliner Historiker Heinrich August Winkler sein zwölfjähriges Mammut-Projekt über die „Geschichte des Westens“. Im vorliegenden vierten Band geht es um den Einsatz des Westens zur Bewahrung des Erbes der beiden „atlantischen Revolutionen“ von 1776 und 1789. Winkler betrachtet die Geschichte des Westens als eine Abfolge von Kämpfen um die Aneignung oder Verwerfung der Ideen der Amerikanischen und Französischen Revolutionen. Dabei beschönigt er die Geschichte nicht, sondern zeigt, dass der Westen viel zu oft gegen die selbst proklamierten Werte verstieß. Im Ergebnis stehe eine Geschichte der „permanenten Selbstkorrektur“, der produktiven und konstruktiven Selbstkritik.

Winkler versucht, die jüngste Vergangenheit zu systematisieren: Er berichtet vom Zerfall der Sowjetunion (1991), dem „Krieg gegen den Terror“ (2001), der Weltfinanzkrise (2008) und dem „Ende aller Sicherheit“ (2008-2014). Mit viel Sachverstand analysiert der Historiker die Politik der überforderten Weltmacht USA genauso wie das Scheitern des Arabischen Frühlings oder die Ukraine-Krise.

Bei den friedlichen Revolutionen von 1989 und dem Zerfall der kommunistischen Diktatur sei es dem Westen nicht vorrangig um einen regionalen Sieg gegangen. Die Durchsetzung der unveräußerlichen Menschenrechte, der Herrschaft des Rechts und der Demokratie habe im Vordergrund gestanden. Dennoch scheint die globale Verbreitung des „westlichen Projekts“ erst im 21. Jahrhundert zum alles beherrschenden Thema des Weltgeschehens zu werden. Laut Winkler ist der Westen von der Globalisierung seiner Normen noch weit entfernt. Es existiere zwar keine ideologische Herausforderung für den Westen, ernsthaft bedroht würden die Freiheitsrechte aber vor allem durch die entfesselten Finanzmärkte und die Überwachung durch die Geheimdienste.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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