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Aschot Manutscharjan
Kurz rezensiert

In der Bundestagsdebatte am 21. April 2005 zum Gedenken an den 90. Jahrestag der Vertreibungen und Massaker an den Armeniern waren sich die Redner einig: Sie bewerteten das Geschehen als Völkermord. Dennoch wurde auf diesen Schlüsselbegriff in der Bundestags-Resolution vermieden. Deutschland müsse zur Versöhnung zwischen Türken und Armeniern beitragen und diese nicht verhindern. Besonders würdigten die Parlamentarier Pastor Johannes Lepsius, der den Reichstag während des Ersten Weltkriegs nachdrücklich auf die Verbrechen gegen die armenischen Christen hingewiesen hatte.

Der wissenschaftliche Direktor des Lep-siushauses in Potsdam, Rolf Hosfeld, hat jetzt eine empfehlenswerte Monographie vorgelegt, in der er die Entwicklung im Osmanischen Reich, die zum Völkermord führte, mit zahlreichen Quellen belegt. Das erklärte Ziel der jüngtürkischen Regierung sei es gewesen, eine homogene türkische Nation zu schaffen. Es gehe darum, „die armenische Rasse im türkischen Reiche zu vernichten“, berichtete bereits der deutsche Botschafter im Juli 1915 nach Berlin. Und der türkische Innenminister Talaat betonte, es gebe keine armenische Frage, weil es „keine Armenier gibt“.

Wichtig ist das Buch vor allem deshalb, weil es über die wenig bekannten Kriegsverbrecherprozesse in der Türkei nach dem Ersten Weltkrieg berichtet. Da die Angeklagten nach Berlin geflohen waren, wurden sie in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Ein türkischer Ankläger stellte klar, dass die „Armenier grausam ermordet wurden“, deshalb müssten die Hinterbliebenen „entschädigt“ werden. Der türkische Innenminister machte im März 1919 öffentlich, dass „800.000 Armenier tatsächlich ermordet worden waren“. Obwohl Mustafa Kemal „Atatürk“, der Gründer der modernen Türkei, diese Zahl bestätigte, weigert sich die türkische Regierung bis heute, das Verbrechen anzuerkennen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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