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Aschot Manutscharjan
Kurz rezensiert

Für sein Buch „Im Reformhaus“ erhielt er den renommierten Ludwig-Börne-Preis. Laudator Dan Diner lobte, Jürgen Kaube habe „die wissenschaftliche Kultur von Geist und Sache in luzider Klarheit und begriffsnaher Zuspitzung in den öffentlichen Raum“ getragen. Kaube, Mitherausgeber und Feuilleton-Chef der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, beschäftigt sich in seinem Essay-Band mit dem Zustand deutscher Schulen, dem Bologna-Prozess und seinen Folgen für die Hochschulen.

Nachdrücklich kritisiert er die Pisa-Statistiken, die ganz Europa auf die Vorbildlichkeit des finnischen Schulsystems hinweisen würden, ohne die dortigen kleinen Schulklassen oder die geringe Einwanderung zu berücksichtigen. Während Kaube seitenweise über den kritischen Zustand des Bildungssystems klagt, schiebt er immer wieder subjektiv gefärbte Zwischenrufe ein, die zum Nachdenken einladen: „Der beste Indikator für die Krise des Bildungssystems sind die Reden, die zu seinem Wachstum aufrufen. Denn sie zeigen nicht nur einen Mangel an Kenntnissen und Logik bei denen, die sie halten“. Der Publizist lastet die Krise zu einem großen Teil der Gesellschaft selbst an, „die zu elementarer Selbstständigkeit der Lebensführung nicht mehr in der Lage ist“.

Ganze Universitäten mit „Exzellenzclustern“ zu identifizieren, sei ein erstaunlicher Fall von mangelnder Intelligenz. Besonders schmerzt Kaube, dass die Krise auch die Geisteswissenschaften erfasst habe: Trotz unzähliger Referate, die in jedem Semester gehalten würden, verblasse die rhetorische Tradition an den Universitäten. Die Gedankenlosigkeit, man könne die Redekunst durch Power-Point-Präsentationen ersetzen, habe längst die gymnasiale Oberstufe erreicht. Stattdessen plädiert er für die Erziehung zum unabhängig denkenden, frei sprechenden Bildungsbürger. Was tun? Endlich die „Zeit der Reformen“ beenden. Der Band ist zweifellos ein lesenswerter Beitrag zur bildungspolitischen Debatte.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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