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EDITORIAL
Jörg Biallas
Schutz und Reflexion


Während auf der Computermesse Cebit in Hannover die neuesten technischen Errungenschaften gefeiert wurden, hat sich der Deutsche Bundestag in der vergangenen Woche mit der Schattenseite der digitalen Welt befasst. Das IT-Sicherheitsgesetz stand auf der Tagesordnung des Parlaments. In einer nachdenklichen Debatte ging es um die Frage, wie die Cyberwelt effektiver vor Attacken geschützt werden kann.

Ein umfängliches Problem. Das verdeutlichen aktuelle Zahlen, die beinahe jedes Vorstellungsvermögen sprengen: Weltweit beläuft sich der Schaden durch IT-Angriffe auf 575 Milliarden Dollar – in einem Jahr. Allein die Deutsche Telekom verzeichnet rund eine Million Attacken auf ihre Netze – an einem Tag. Fast die Hälfte der deutschen Firmen sind Opfer von Computer-Kriminalität geworden – in den vergangenen zwei Jahren. Die Motive der Hacker sind vielschichtig. Es geht um Finanzbetrug, Industriespionage oder politische und, besonders perfide, terroristische Hintergründe.

Ein Leben ohne Datenaustausch und kommunizierende IT-Systeme mag sich niemand mehr vorstellen. Nahezu alles wird elektronisch gemessen, unterstützt, kontrolliert, geregelt. Es bleibt gar nichts anderes übrig, als grenzenloses Vertrauen in die moderne Technik zu entwickeln, weil konventionelle Alternativen zusehends verschwinden.

Dieser Fortschritt ist fraglos eine Errungenschaft. Jedenfalls, wenn er ausreichend vor dem Zugriff Unbefugter geschützt ist. Effektive Technik verlangt nach effektiver Sicherheit. Eine Erkenntnis, die sich auch in der Wirtschaft erst allmählich durchgesetzt hat. Im Privatbereich mag sich jeder selbst fragen, wie gut die eigenen Daten gesichert sind. Wer ehrlich ist, wird vermutlich schnell auf Nachlässigkeiten stoßen. Auch sonst lassen sich ohne überschäumende Fantasie Horrorszenarien entwerfen. Ein Hacker legt die Stromversorgung eines Krankenhauses lahm, manipuliert die Produktion von Lebensmitteln, greift in die Flugsicherung ein, verändert die Straßen- oder Schienenverkehrsführung. Katastrophen wären unausweichlich.

Die rasante digitale Entwicklung bedarf zweierlei: einer permanenten intellektuellen Reflexion, ob die Gefahr bestehen könnte, dass der Segen sich zum Fluch entwickelt. Und eines Schutzes vor unlauterem Zugriff. Beides ist politisch erkannt. Gut so.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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