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EDITORIAL
Jörg Biallas
Es fehlt an Wissen


Religiöser Fanatismus begleitet die Weltgeschichte seit Jahrtausenden. Bei nahezu allen Glaubensrichtungen gibt es Beispiele für übersteigerten Geltungsdrang und fanatische Heilsbotschaften, die sich in Gewaltexzessen gegenüber Andersgläubigen Bahn gebrochen haben. In der historischen Betrachtung sind Christen wie Muslime jeweils Opfer und Täter. Wer angesichts des islamistischen Terrors geneigt ist, die Täterrolle einseitig zuzuweisen, vergisst Ereignisse wie das Massaker von Srebrenica. Vor 20 Jahre wurden dort Tausende bosnische Muslime ermordet.

Derzeit richtet sich der Fokus auf den militanten Islamismus. Aus gutem Grund, wie nahezu täglich neue Terrormeldungen auf grauenhafte Weise belegen. Das Massaker an den Studenten in Kenia, der Bürgerkrieg in Syrien, die blutigen Konflikte im Jemen, die zunehmend unsichere Lage im Irak, aber auch die latent angespannte Situation in anderen Teilen Asiens und Afrikas: Das alles schürt in der westlichen Welt die Sorge, fanatische Islamisten könnten weiter erstarken und schlimmstenfalls sogar außerhalb ihres unmittelbaren Einflussbereiches Unheil anrichten. Nüchtern betrachtet bleibt diese Gefahr schwer auszumachen, aber überschaubar. Auch das politische Kapital, das sich aus dem angeblichen Islamismus-Import schlagen lässt, ist endlich, wie die gescheiterte „Pegida“-Bewegung belegt.

Gerade in Deutschland sollte aus dem Holocaust das Bewusstsein erwachsen sein, dass mangelndes Wissen über die Inhalte einer Religion verheerende Auswirkungen haben kann. Besonders junge Menschen muss diese Botschaft erreichen.

Jeder mag mit sich selbst ausmachen, wie die monatelang diskutierte Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört, zu beantworten ist. Hilfreich wäre aber in jedem Fall eine Auseinandersetzung mit dieser Religion: der Besuch einer Moschee, die Lektüre des Korans und dessen Interpretationen, Gespräche mit Muslimen. Am Ende dieser Bemühungen wird die Erkenntnis stehen, dass in dem gleichen Maß, wie es ein Gebot der Menschlichkeit ist, den gewaltbereiten Islamismus zu verdammen, der Islam als Weltreligion zu akzeptieren ist. Und ganz nebenbei mag sich dann auch klären, wieso ausgerechnet diejenigen, die den Islam am heftigsten kritisieren, oft dieselben sind, die den Opfern selbsterklärter Gotteskrieger die Flüchtlingshilfe verwehren wollen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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