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GESCHICHTE
Aschot Manutscharjan
Die Mitschuld

Das Deutsche Reich war in den Völkermord an den Armeniern vor 100 Jahren tief verstrickt

Das Urteil des Journalisten Jürgen Gottschlich über die Rolle des kaiserlichen Deutschlands beim Völkermord an den schätzungsweise 1,5 Millionen christlichen Armeniern fällt eindeutig aus: Das Reich hat den Genozid im Osmanischen Reich während des Ersten Weltkrieges nicht nur geduldet, tot geschwiegen, mitunter sogar damit sympathisiert, sondern teilweise mit geplant und bei der Durchführung geholfen. Politiker wie Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg, Diplomaten wie Hans Freiherr von Wangenheim sowie Generäle und Obristen machten sich der „Beihilfe zum Völkermord an der armenischen Minderheit“ schuldig. So lautet das Fazit des gut dokumentierten und glänzend geschriebenen Buchs von Gottschlich.

Der ehemalige Türkei-Korrespondent der „taz“ beschreibt die deutsche Rolle als eine logische Folge der seit den 1880er Jahren betriebenen Orientpolitik des Kaiserreichs. Den im Osmanischen Reich lebenden christlichen Armeniern dachte Berlin stets nur eine untergeordnete Rolle, wenn nicht gar eine Opferrolle zu: „Indem wir des deutschen Volkes Macht vertreten (...), entscheidet für uns die Tatsache, dass der ungeschwächte Bestand des Deutschtums in der Welt ungleich wichtiger ist, als die gesamte armenische Frage.“ Das sagte nicht etwa ein von imperialistischem Großmannstreben verblendeter deutscher Außenpolitiker, sondern der protestantische Pfarrer und liberale Politiker Friedrich Naumann. Es war beileibe keine Einzelstimme.

Zwangsumsiedlung Auf deutsches Drängen proklamierte der osmanische Sultan Mehmed V. bei Kriegsausbruch den Dschihad, den „Heiligen Krieg“, gegen die Ungläubigen. Zugleich veranlasste er auf „Empfehlung“ deutscher Militärberater die „Umsiedlung“ der Armenier, die man zum Risikofaktor erklärt hatte. Sie galten als Spione und Aufständische im Dienste Russlands. Deshalb wurden aus ihrer Heimat im Nordosten der Türkei an der russischen Front in die syrische Wüste zwangsumgesiedelt.

Den deutschen Militärangehörigen und Diplomaten vor Ort war klar, dass diese Aktion letztlich darauf abzielte, die Christen im Osmanischen Reich auszulöschen. Jürgen Gottschlich kommt zu dem Schluss, der deutsche Botschafter Wangenheim habe nur pro forma gegen die Vertreibung der Armenier protestiert. Hätte der Botschafter gewollt, zeigte sich der damalige amerikanische Botschafter in Konstantinopel, Henry Morgenthau, überzeugt, hätten die Armenier gerettet werden können. Der Amerikaner wusste genau um den großen Einfluss der Deutschen, schließlich bezahlten sie alle Rechnungen ihres klammen Verbündeten am Bosporus.

Interessen Berlins Im Frühling 1915 berichtete Wangenheim an Reichskanzler Bethmann Hollweg, der türkische Innenminister Talaat Bey habe offen erklärt, dass die Hohe Pforte den Weltkrieg nutzen will, um mit ihren inneren Feinden – den einheimischen Christen – gründlich aufzuräumen, ohne dabei durch diplomatische Intervention des Auslands gestört zu werden; das sei auch im Interesse der mit den Türken verbündeten Deutschen. Später beschrieb der Botschafter die Ereignisse als „eine systematische Niedermetzelung“, die die türkische „Regierung nicht nur duldete, sondern offensichtlich förderte“. Doch der deutsche Kanzler hatte klare Prioritäten: „Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig, ob darüber Armenier zu Grunde gehen oder nicht.“

Als Wangenheims Nachfolger, Botschafter Paul Graf Wolff Metternich, mögliche Sanktionen gegen den Bündnispartner ins Gespräch brachte, um die Vernichtung der Christen zu stoppen, wurde er auf Intervention des deutschen Generalstabs abberufen. „Die Armenier werden – aus Anlaß ihrer Verschwörung mit den Russen! – jetzt mehr oder weniger ausgerottet. Das ist hart, aber nützlich. Botschafter kann leider, sehr zum Nachteil unserer Politik, das Lamentieren darüber nicht lassen“, notierte Marineattaché Hans Humann im Juni 1915. Humann, „die Graue Eminenz“ in der Türkei, war der Sohn von Carl Humann, dem Entdecker des Pergamonaltars, und persönlicher Freund des türkischen Kriegsministers Enver Pascha.

Einige der in die Türkei abkommandierten deutschen Offiziere führten gar militärische Operationen gegen die Armenier an und befahlen deren Deportationen. Gottschlich zitiert aus den Briefen des Majors Eberhard Graf Wolffskeel von Reichenberg an seinen Vater: Die Armenier würden „dem freundlichen Angebot der Regierung, sie anderweitig anzusiedeln, nur mangelhaftes Verständnis entgegenbringen“. Der Major befehligte eine „sehr schneidige“ Infanterie, um „diese Halbwilden“, zu töten. Der erste Schritt des Genozids hatte darin bestanden, die wehrfähigen Männer einzuberufen und zu liquidieren. Über die Details der „Umsiedlungen“ vor Ort berichtete der deutsche Konsul in Aleppo, Walter Rößler, in mehr als 200 Telegrammen und Depeschen an die Botschaft in Konstantinopel und an das Auswärtige Amt in Berlin. Die Argumentation der Türken, die Deportationen seien wegen der unsicheren militärischen Lage notwendig, vermochte Rößler nicht zu überzeugen. In einem Bericht vom 27. Juli 1915 nach Berlin schrieb er: „Ist die Anwesenheit von Frauen und Kindern (...) gefährlich, da doch die Männer so gut wie alle eingezogen sind?“

Koordinierte Vernichtung Über das Leben und Wirken des engagierten Diplomaten hat Kai Seyffarth eine empfehlenswerte Studie vorgelegt. Er beschreibt das kleine internationale Netzwerk zur Rettung der Armenier in Aleppo, zu denen auch Rößler gehörte. Als einer der wichtigsten Augenzeugen des Völkermords berichtete er über das ganze Ausmaß des koordinierten Vernichtungsprogramms und die erzwungenen Fußmärsche der Armenier aus ihren Siedlungsgebieten in Anatolien durch die Wüste nach Süden. Im Frühjahr 1915 geriet Rößler jedoch selbst in Misskredit, als er in der britischen Presse als Anstifter der Massaker an den Armeniern in Aleppo gebrandmarkt wurde. Das Auswärtige Amt protestierte damals vehement gegen diese „Behauptungen“ und die „Verleumdung“ des verdienten Beamten. Zu Gunsten Rößlers äußerte sich auch der unumstrittene Freund der Armenier, Pastor Johannes Lepsius, der sich schon früh gegen den Völkermord engagiert hatte.

Kai Seyffarths großes Verdienst besteht darin, die Befürchtungen darzulegen, die sich Berlin schon 1915 machte, um nach dem Krieg nicht als Initiator der Vernichtung der christlichen Armenier zu gelten und für die Verbrechen verantwortlich gemacht zu werden. In der Weimarer Republik versuchte man, sich von den Kriegsverbrechen in der Türkei zu distanzieren. So wurden die diplomatischen Akten „Deutschland und Armenien“ selektiv veröffentlicht. Um jeden Zweifel im Keim zu ersticken, bestellte das Auswärtige Amt auf Empfehlung Rößlers ausgerechnet Johannes Lepsius zum Herausgeber der Dokumente.

Intervention des Vatikans Eine bahnbrechende Entdeckung präsentiert der Historiker Michael Hesemann in seinem neuen Buch über den Völkermord an den Armeniern. Im Geheimarchiv des Vatikans stieß er auf zahlreiche Dokumente, die die Abläufe verdeutlichen und die offizielle türkische Leugnung des Genozids einmal mehr widerlegen. Auf Grund der Berichte seines Nuntius wandte sich Papst Benedikt XV. im September 1915 mit der Bitte an Sultan Mehmet V. in Konstantinopel, die Verfolgung der Armenier zu beenden. Auch der Kölner Erzbischof, Kardinal Felix von Hartmann, hatte bereits 1915 aus „Sorge um die Ehre des deutschen Namens“ Kanzler Bethmann Hollweg aufgefordert, sich für eine Beendigung der grausamen Christenverfolgung im Osmanischen Reich einzusetzen. Von der Türkei aus ließ auch der Kapuziner Norbert Hofer den Vatikan über das Ziel der Deportationen nicht im Unklaren: Ihre Absicht sei es, „alle christlichen Elemente im Land ungestraft vernichten zu können“. Unter den Deportationen mussten nicht nur die Armenier, sondern auch syrische und griechischen Christen leiden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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