Inhalt

deutschland und israel
Susanne Kailitz
Wo der Pudding billig ist

Viele junge Israelis finden in Berlin eine neue Heimat und stellen sich den Fragen der Vergangenheit

Yoav Sapir ist Teil eines Phänomens, das weiß er. Er hat sich diese Rolle nicht ausgesucht, "aber es ist okay", sagt der 36jährige Übersetzer mit einem Grinsen. Sapir ist Israeli - eingewandert nach Berlin. Diese Bevölkerungsgruppe steht im Blickpunkt der medialen Öffentlichkeit, obwohl die Zahl der Israelis in der deutschen Hauptstadt eher gering ist, wie Sapir meint. Das sei schon ein wenig rätselhaft. Wie viele Israelis tatsächlich an der Spree leben, ist dabei nicht ganz klar. Das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg zählt 3.578 israelische Staatsbürger und 2.187 Deutsche mit israelischem Pass. Wie viele Israelis mit anderen EU-Pässen in der Stadt leben, wird nicht erfasst.

Gerade erst hat die Sozialanthropologin Dani Kranz von der Bergischen Universität Wuppertal für die Bertelsmann Stiftung eine Studie mit dem Titel "Israelis in Berlin" vorgelegt und versucht, Licht ins Dunkel zu bringen. Ihren Zählungen nach leben ungefähr 11.000 Israelis in Berlin. Auch Kranz hat sich gewundert, warum deren Zahl offenbar so überschätzt wird, und meint: "Israelis werden in Deutschland anders wahrgenommen als andere Immigranten, einfach weil das Verhältnis zu Israel aufgrund der gemeinsamen Geschichte ein anderes ist." Sei Hebräisch auf der Straße zu hören, reagierten viele Deutsche darauf anders als auf Englisch, Spanisch oder Polnisch; es löse einfach mehr Aufmerksamkeit aus. "Außerdem sind viele israelische Touristen in der Stadt, auch das nährt den Eindruck einer besonders großen Community."

Berlin ist günstig Dass die israelische Gemeinschaft in Berlin so stark wahrgenommen wird, liegt auch an Zufällen: Als im Sommer 2014 ein Israeli über ein soziales Netzwerk im Internet seine Landsleute zur Auswanderung nach Berlin aufrief, weil hier der Schokopudding so preiswert sei, löste das eine immense Welle der Berichterstattung aus - auch weil der damalige israelische Finanzminister Yair Lapid seinerseits via Internet schimpfte, der junge Mann sei ein "Antizionist" und so die Debatte anheizte.

Auch wenn die Diskussion inzwischen wieder abgeflaut ist - der Initiator ist nach Israel zurückgekehrt - machte sie doch überspitzt auf den häufigsten Grund der Auswanderung nach Berlin aufmerksam. "Es sind in aller Regel wirtschaftliche Gründe", sagt Sapir. Und auch Ilian Weiss, Versicherungsmakler israelischer Herkunft, sagt klar: "Die, die hierher kommen, wollen einfach ein besseres Leben." In ihrer Heimat seien die Preise für Lebensmittel und Wohnungen hoch, dazu kommen die ständige Bedrohungslage und die politische Anspannung.

Und Berlin bietet - mediale Übertreibungen hin oder her - ein großes israelisches Netzwerk, das es den Neuankömmlingen erlaubt, sich gut zurechtzufinden und ein bisschen Heimat in der Fremde zu erleben. Es gibt Restaurants und Läden für israelisches Essen, Kindergärten, Schulen und Spielgruppen, in denen Hebräisch gesprochen wird, regelmäßige "Meschugge Partys" mit israelischen DJs und seit 2012 sogar ein hebräisches Stadtmagazin mit dem Titel "Spitz".

Jung und gebildet Der größte Teil der Vernetzung findet über das Internet statt, vor allem über die von Ilian Weiss ins Leben gerufene Plattform "Israelis in Berlin". Dort findet Hilfe, wer nach seiner Ankunft alles über die richtige Krankenversicherung oder den Umgang mit Behörden herausfinden müsse oder Tipps brauche, wo man günstig wohnen könne und wie man einen guten Job finde.

Wenig Kontakt haben die israelischen Neu-Berliner dagegen zu den jüdischen Gemeinden, die von Kontingentflüchtlingen aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion entscheidend geprägt werden. "Sie empfinden sich als eine ganz andere Art von Juden", erklärt Weiss, "ihre Sozialisation in Israel unterscheidet sich einfach gravierend von der der meisten Gemeindemitglieder." Das deckt sich mit den Forschungsergebnissen von Dani Kranz. Die, die nach Berlin kämen, seien in der Regel jung, sehr gut gebildet, säkular und politisch eher links orientiert. "Warum sollten orthodoxe Israelis auch von Jerusalem nach Berlin auswandern?" Viele derer, die ihr Land verließen, seien unzufrieden mit der politischen und wirtschaftlichen Situation in ihrer alten Heimat. Umso schwieriger sei es für sie, damit umzugehen, dass sie häufig zu "Minibotschaftern" des jüdischen Staates gemacht würden und zu israelkritischen Positionen Stellung beziehen sollten. Viele der Israelis, die sie befragt habe, seien ebenfalls unzufrieden mit der politischen Führung in Israel und fühlten sich daher als komplett falsche Ansprechpartner für die Kritik.

Bedeutende Fragen Doch die Israelis, die in den vergangenen Jahren nach Berlin gekommen sind, lassen ihre Heimat nicht einfach hinter sich. Das Leben in Deutschland führe zu einer für viele unerwarteten Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft, sagt Yael Kupferberg. Die Religionsphilosophin an der Universität Potsdam spitzt ihre Erfahrungen in einem Satz zu: Die Einwanderer kämen als Israelis und würden in Berlin zu Juden. Was das heißt? "Zuerst lockt Berlin als tolle Metropole, in der man unbeschwert leben und Party machen kann. Aber für die allermeisten kommt früher oder später der Moment, an dem sie wahrnehmen, in welcher Stadt sie nun sind." Nämlich da, wo von den Nazis einst die "Endlösung der Judenfrage" geplant wurde. "Die jüdische Geschichte ist so dominant in Deutschland, dass kaum ein Einwanderer umhin kommt, sich mit seiner eigenen jüdischen Identität auseinanderzusetzen", erläutert Kupferberg.

Das hat auch Yoav Sapir an sich bemerkt. "In Israel ist man Jude, so wie ein Fisch selbstverständlich im Wasser lebt und sich nicht fragt, was ihn da eigentlich umgibt. Aber wenn man dann quasi auf dem Trockenen landet, merkt man, dass man anders ist." Doch irgendwann stelle sich auch wieder Normalität ein. "Genau so wenig, wie ein Deutscher jeden Tag über die Stolpersteine in Berlin stolpert oder das Holocaust-Mahnmal wahrnimmt, tue ich das. Man denkt nicht mehr darüber nach." Worüber Sapir sehr wohl nachdenkt, ist das Maß an Aufmerksamkeit, das der israelischen Community entgegen gebracht wird. Das sei grundsätzlich natürlich gut, meint er, "aber allzu oft ist es kein wirkliches Interesse an den Menschen, die da nach Berlin gekommen sind. Sie werden nicht primär als Israelis, sondern als Juden wahrgenommen. Und häufig geht es um eine Art Selbstberuhigung: Wenn wieder Juden nach Deutschland einwandern, dann ist alles wieder gut zwischen den beiden Völkern."

Nicht alles ist gut Doch davon, dass alles gut sei, spüre er nicht viel. Immer wieder höre er von Bekannten, die angepöbelt wurden. Übergriffe vor allem von muslimischen Migranten auf Männer, die wegen ihrer Kippa als Juden erkennbar seien, beunruhigen Sapir. Auch Dani Kranz hat das beobachtet. Wenn bei Demonstrationen judenfeindliche Sprüche gerufen würden, löse das "Irritationen und Besorgnis" aus. Nach Ansicht von Yael Kupferberg sind die israelisch stämmigen Neuberliner jedenfalls "eine riesige Chance, der deutsch-jüdisch-israelischen Geschichte zu einer Renaissance zu verhelfen. Jetzt können wir mit einer neuen jüdischen Kultur mit israelischem Charakter wegkommen von der Schwere, die so lange geherrscht hat. Das ist eine Riesensache."

Die Autorin ist freie Journalistin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag