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GESUNDHEIT I
Claus Peter Kosfeld
Der letzte Weg

Bessere Versorgung für Sterbende

Die Hospizbewegung ist noch relativ jung und begann mit einer bewegenden Liebesgeschichte. Cicely Mary Strode Saunders (1918-2005), eine junge Krankenschwester, verliebte sich 1948 in London in einen polnisch-jüdischen Emigranten, der aus dem Warschauer Ghetto geflohen war. David Tasma litt an Krebs, und als er starb, hinterließ er seiner Betreuerin 500 Pfund mit der Bitte, sie solle ein Heim für Sterbende gründen, das Schmerzkontrolle und eine Vorbereitung auf den Tod ermögliche. Fast 20 Jahre später, 1967, gründete Saunders, die nun als forschende Ärztin arbeitete, in London das St. Christophers Hospiz. Fünf Jahre zuvor hatte sie in Studien belegt, dass Morphium in einer bestimmten Dosierung sterbenden Menschen ein relativ normales Leben ermöglichen kann und legte damit einen Grundstein für die moderne Palliativmedizin, mit der das Leid gelindert werden soll. Die von der Königin geadelte Dame Saunders starb 2005 mit 87 Jahren an Krebs und verbrachte die letzte Wegstrecke in dem von ihr gegründeten Hospiz. 

Wunsch und Wirklichkeit Hierzulande engagieren sich nach Angaben des Deutschen Hospiz- und Palliativverbandes (DHPV)
rund 100.000 Menschen für die Betreuung Schwerkranker und Sterbender. Seit Mitte der 1980er Jahre sind 214 stationäre Hospize für Erwachsene und weitere 14 für Kinder und Jugendliche sowie rund 1.500 ambulante Hospizdienste entstanden. Dennoch liegen Wunsch und Wirklichkeit noch weit auseinander, denn vor allem in ländlichen Regionen fehlen ambulante und stationäre Hospizangebote. 

In einer Umfrage von 2012 gaben 66 Prozent der Befragten an, sie wollten zu Hause sterben, elf Prozent nannten ein Hospiz, vier Prozent eine Palliativstation, drei Prozent ein Krankenhaus und ein Prozent ein Heim. Die Sterbewirklichkeit vermittelt ein ganz anderes Bild: Von den rund 893.000 Menschen, die 2013 in Deutschland starben, verbrachten rund 90 Prozent ihre letzten Stunden in einer Klinik (48 Prozent) oder einem Pflegeheim (39 Prozent). Nur wenige Menschen sterben in einer Hospizeinrichtung, zumal die Zahl der freien Betten dort stark begrenzt ist. 

Mit dem Hospiz- und Palliativgesetz der Bundesregierung (18/5170), das vergangene Woche erstmals im Bundestag beraten wurde, soll die Versorgung nun systematisch ausgebaut werden. Vorgesehen ist eine bessere finanzielle Ausstattung der stationären Hospize. Die Tagessätze für Hospize werden pro Patient von rund 198 Euro auf rund 255 Euro angehoben. Zudem tragen die Krankenkassen künftig 95 statt 90 Prozent der zuschussfähigen Kosten. Die Krankenhäuser bekommen die Möglichkeit, Hospizdienste mit Sterbebegleitung in ihren Einrichtungen zu beauftragen. Bei den ambulanten Hospizdiensten werden künftig neben den Personalkosten auch die Sachkosten bezuschusst, also etwa Fahrtkosten für ehrenamtliche Mitarbeiter. Die Sterbebegleitung soll Bestandteil des Versorgungsauftrages der Pflegeversicherung werden. Pflegeheime sollen Kooperationsverträge mit Haus- und Fachärzten abschließen. Außerdem sollen Pflegeheime und Einrichtungen für Behinderte ihren Bewohnern eine Planung zur individuellen Betreuung in der letzten Lebensphase organisieren können, bezahlt von der Krankenkasse. Die Palliativversorgung wird Bestandteil der Regelversorgung in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Die Krankenkassen werden dazu verpflichtet, die Patienten bei der Auswahl von Angeboten der Palliativ- und Hospizversorgung individuell zu beraten. Die Ausbildung der Mediziner auf diesem Gebiet soll verbessert werden. Die Abgeordneten waren sich in der Aussprache einig, dass bei diesem sensiblen Thema der politische Streit in der Hintergrund rücken sollte. Und so dominierten eher nachdenkliche Töne. Gesundheitsstaatssekretärin Annette Widmann-Mauz (CDU) betonte, es gehe darum, Schmerzen zu lindern und Zeit, Zuwendung, Nähe und Geborgenheit zu ermöglichen. Sie wies daraufhin, dass die Hospizbewegung von rund 80.000 Ehrenamtlichen getragen werde. Hilde Mattheis (SPD) sagte, es gebe eine große Einigkeit, dass Menschen im Alter selbstbestimmt und schmerzfrei am Leben teilnehmen wollten, möglichst bis zum Schluss. Die Realität sehe jedoch oft anders aus, denn es gebe Versorgungslücken. Gute Versorgung dürfe aber nicht abhängig sein von dem Ort, wo Menschen leben. Der Gesetzentwurf sei als Baustein zu sehen, der sich einfüge in andere Gesetze, mit denen die Betreuung schwer kranker und alter Menschen ebenfalls verbessert werden.

Gegen »Parteigezänk« Elisabeth Scharfenberg von der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen sprach von einem Thema mit hoher symbolischer Bedeutung, das nicht weggedrückt werden könne. In der Palliativversorgung sei noch sehr viel zu tun, Kliniken und Pflegeheimen mangele es an geschultem Personal, Geld und Zeit. Wer insolchen stationären Einrichtungen untergebracht sei, habe keinen Anspruch auf einen stationären Hospizplatz. Das sei einR iesenproblem. Die Grünen-Politikerin regte an, einen interfraktionellen Gesetzentwurf zu erarbeiten, zumal das Thema keinen Raum biete für „parteipolitisches Gezänk“. Pia Zimmermann (Linke) monierte, die Bundesregierung verkünde mit großen Worten eine Gesetzesvorlage, die vermutlich nur kleine Verbesserungen mti sich bringe. Sie verwies auf den Antrag ihrer Fraktion (18/5202), in dem gefordert wird, den Rechtsanspruch auf Palliativversorgung gesetzlich so auszugestalten, das jeder Bürger diesen unabhängig von der Art der Erkrankung, Behinderung, vom Lebensort, der Wohnform sowie der Versicherungsart in Anspruch nehmen kann. 

Nach Ansicht von Jens Spahn (CDU) ist die Beratung über die Hospiz- und Palliativversorgung nicht von der Debatte über die Sterbehilfe zu trennen, denn viele Menschen hätten Angst vor einem qualvollen Tod. Aus dieser Sorge herauswachse der Wunsch nach Sterbehilfe. Auch die Abgeordnete Helga Kühn-Mengel (SPD) erinnerte daran, dass ein Ziel darin bestehe, zunächst die Palliativversorgung zu verbessern, bevor abschließend über die Sterbehilfe gesprochen werde. Sie schlug vor, in Krankenhäusern künftig einen Palliativbeauftragten einzusetzen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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