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Aschot Manutscharjan
Kurz rezensiert

Ulrich Heyden: Ein Krieg der Oligarchen. Das Tauziehen um die Ukraine.

In welcher europäischen Hauptstadt wäre dieses Szenario denkbar, ohne dass der Ausnahmezustand ausgerufen wird? Die Blockade der Innenstadt für mehr als zweieinhalb Monate, die Besetzung wichtiger Gebäude und der Einsatz von Molotowcocktails gegen Polizisten. Diese Entwicklung veranlasste den langjährigen Moskau-Korrespondenten der „Sächsischen Zeitung“, Ulrich Heyden, zu der Frage, ob der ukrainische Ex-Präsident, Viktor Janukowitsch, tatsächlich der brutale Diktator war, zu dem ihn die deutsche Presse erklärte. Der Journalist wollte „ein ehrliches Resümee“ seiner Reisen ziehen: Vom Maidan in Kiew war er nach Odessa gereist, um herauszubekommen, wer das Gewerkschaftshaus in Brand gesteckt und den Tod vieler Menschen verschuldet hat. Auch mit „Aufständischen“ in Donezk hat er gesprochen. Herausgekommen ist jedoch eine wenig überzeugende Geschichte. Laut Heyden ist der „Rechte Sektor“ für die Revolution in Kiew verantwortlich, während die USA alles daran gesetzt hätten,Russland in einen offenen Krieg mit der Ukraine zu verwickeln. Millionen Ukrainer, die in einem Rechtsstaat leben wollen, erwähnt Heyden hingegen nicht. Glaubt man dem Journalisten, dann waren es die Scharfschützen des „Rechten Sektors“, die Ende Februar 2014 über 80 Menschen auf dem Maidan erschossen und jede politische Bewegung für eine föderale Ukraine blutig niederschlugen. Da wundert es auch nicht mehr, dass Heyden die völkerrechtswidrige Eroberung der Krim durch Russland nur einen einzigen Satz wert ist. Irreführend ist auch der Buchtitel. Denn Oligarchen benennt Heyden nur wenige, die einflussreichsten bleiben unerwähnt. Dabei verfügen die Hundert reichsten Ukrainer über 37,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, finanzieren alle im Parlament vertretenen Parteien und kontrollieren die Medien. Doch welche Rolle spielten die Oligarchen bei der Revolution und wieso stimmten 100 Abgeordnete der Janukowitsch Partei gegen ihn? Die Antworten bleibt Heyden schuldig.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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