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KUNST
Sören Christian Reimer
Augen-Öffner

Doppelausstellung im Bundestag präsentiert Reflektionen zum Holocaust

Was vermag die Kunst? Diese Frage ist eigentlich immer aktuell, doch gewinnt eine besondere Dringlichkeit angesichts des Schreckens der Schoah. Bundestagsvizepräsident Peter Hintze (CDU) stellte sie vergangene Woche anlässlich der Eröffnung einer vom Deutschen Bundestag konzipierten Doppelausstellung zum „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“.

In der Auseinandersetzung mit dem „größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte“, sagte Hintze, dienten die Geschichtswissenschaften dazu, Ereignisse zu beschreiben und einzuordnen; Recht und Ethik hülfen, das Geschehene angemessen zu beurteilen. „Kunst vermag all dieses nicht. Doch vermag Kunst viel mehr“, sagte Hintze. Die Kommunikation zwischen Werk und Betrachter vermöge es, Augen zu öffnen und Emotionen zu wecken. „Kunst fordert unser Herz, aber auch unseren Verstand“, betonte Hintze.

Kunst als Sinnstifter Kunst vermag sogar noch mehr als das. Für den israelischen Künstler Yehuda Bacon war das Zeichnen ein Weg, das Erlebte zu verarbeiten. Werke von ihm sind in einem Teil der Ausstellung, „Der Tod hat nicht das letzte Wort – Niemand zeugt für den Zeugen“, zu sehen.

Bacon, der in Ostrava in der heutigen Tschechischen Republik aufwuchs, wurde im Alter von 13 Jahren erst ins Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt, später nach Auschwitz-Birkenau. Seine Eltern und seine Schwester überlebten den Holocaust nicht. Seinen Vater sah er 1944 in die Gaskammer gehen. Nach der Befreiung und der Emigration 1946 in das spätere Israel habe er versucht, das Erlebte in Gesprächen zu vermitteln, berichtete der Künstler bei der Eröffnung der Ausstellung. Doch zwischen Überlebenden und „Normalen“ sei eine Mauer gewesen. „Niemand konnte die Geschichten ertragen“, erinnerte sich Bacon. Er widmete sich dem Zeichnen, zunächst für sich. Zur Kunst im eigentlichen Sinne sei er erst später gekommen. Doch das half: „Ich hatte das Glück, mich mit dem Problem durch Kunst auseinanderzusetzen. Ich spürte die Kraft, dass man auch so ein Thema überwinden und einen Sinn geben kann “, sagte Bacon. Und der Sinn sei es, dem Leben einen positiven Sinn zu geben.

Genealogie Das Zeichnen lernte Bacon bereits in Theresienstadt. Sein Lehrer dort war Peter Kien, ein tschechisch-jüdischer Künstler. Kien starb 1944 in Auschwitz. Auch seine Bilder – eindringliche Portraits seiner Schicksalsgenossen in Theresienstadt – sind in der Ausstellung zu sehen.Die Genealogie geht sogar noch weiter. Gezeigt werden – neben Bildern von unter anderem Leo Haas und Michel Kichka – auch Werke von Sigalit Landau. Die 1969 geborene, israelische Künstlerin lernte an der Bezalel Akademie bei Yehuda Bacon das Zeichnen. Sie gilt als eine der bedeutendsten zeitgenössischen Künstlerinnen ihres Landes. Gezeigt wird zum Beispiel eine Plastik, die von Salzkruste umschlossene Schuhe zeigt – sie hatte die Schuhe vorher im Toten Meer versenkt. Landau stellt damit einen Bezug zu den Millionen Schuhen der Opfer her, die in Konzentrations- und Vernichtungslagern der Deutschen gesammelt wurden.

Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (Bündis 90/Die Grünen) gab sich bei der Einführung in diesen Teil der Ausstellung als großer Fan der israelischen Künstlerin zu erkennen: „Sie öffnet mein Herz und bringt meine Seele zum Weinen.“ Die Kunst der Ausstellung mit der Linie aus den Konzentrationslagern hin zur nachgeborenen Generation habe die Shoah zum Kern, auch wenn es nicht in jedem Werk zu sehen sei, sagte Roth. Die Ausstellung sei eine Dokumentation des Überlebens – nicht nur von Menschen, sondern „des Lebens selbst, der Kreativität, der Kunst und Kultur“. Die Werke seien aber mehr als Zeugnisse der Zeit „oder gar Verarbeitungsstücke einer Traumabearbeitung der Opfer, welche die Hölle gesehen haben“, sondern „echte, große Kunstwerke“, betonte die Bundestagsvizepräsidentin.

Zeichnen gegen das Vergessen Die Bilder des österreichischen Künstlers Manfred Bockelmann – sie sind im zweiten Teil der Ausstellung, „Zeichnen gegen das Vergessen“, zu sehen – haben, wie der Titel schon andeutet, ebenfalls eine über sich selbst hinausweisende Intention. Die Kohlezeichnungen zeigen Bilder von deportierten Kindern. Grundlage für Bockelmanns Arbeiten sind erkennungsdienstliche Fotografien von SS, Gestapo und Ärzteschaft. Im Akt der Fotografie seien Kinder vom Subjekt zum Objekt geworden, sagte Peter Hintze in seiner Würdigung des Künstlers. Die Fotos seien ein „stummes Sinnbild für die totale Entwürdigung des Menschen“ durch die Nationalsozialisten. Bockelmann schaffe es, den Kindern ihre Würde und ihre Sprache zurückzugeben, lobte der Bundestagsvizepräsident.

Der Künstler selbst, auch er war bei der Eröffnung zugegen, richtet seine Werke vor allem an die jungen Menschen. Mit den Bildern der Kinder und Jugendlichen wolle er die heutige Jugend aufrütteln. Seine Werke sollen die jungen Menschen an ihre eigenen Freunde erinnern – und zum Nachdenken anregen: „Wie ist es möglich, dass ein Souverän so junge Menschen zur Vernichtung freigibt?“

Seine Bilder, so Bockelmann, seien daher auch ein Verweis auf die Menschen selbst. „Wir sind dazu in der Lage, solch schreckliche Dinge zu tun“ , sagte der Österreicher. Dies sei ein immer noch aktuelles Thema in einer Welt, die auch jetzt „voller Grausamkeit“ sei. Sören Christian Reimer

Die Ausstellung im Paul-Löbe-Haus des Deutschen Bundestages kann nur nach vorheriger Anmeldung besucht werden. Sie ist noch bis zum 27. Februar 2015 zu sehen: montags von 9 bis 15 Uhr, dienstags bis donnerstags von 9 bis 16 Uhr, freitags von 9 bis 13 Uhr.

Anmeldung telefonisch unter (030) 227 38883 oder per E-Maill an info-ausstellungen-plh@bundestag.de.

Literatur zur Ausstellung: Jürgen Kaumkötter, „Der Tod hat nicht das letzte Wort: Kunst in der Katastrophe“, Galiani, Berlin 2015, 384 Seiten, 39,99 Euro

Aus Politik und Zeitgeschichte

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