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EDITORIAL
Jörg Biallas
Wie in der Familie


Eltern kennen diese Situation: Die Überzeugung, eine ordnende Erziehungsmaßnahme wäre angebracht, kämpft mit der Gewissheit, dass der unleidliche Nachwuchs die wohlwollende Absicht anders wertet und sich ungerecht behandelt fühlt. Gewinnt die Überzeugung, hängt schnell der Haussegen schief.

So ähnlich geht es der europäischen Gemeinschaft gerade mit Griechenland. In Europa gibt es nicht wenige Politiker unterschiedlicher Couleur, deren Geduld erschöpft ist. Ihre Argumente sind nicht von der Hand zu weisen: Milliarde um Milliarde Euro sind als Hilfsmittel nach Hellas geflossen; die Effekte bleiben indes überschaubar. Weder ist der marode Staatshaushalt absehbar zu konsolidieren. Noch sind die Sparbemühungen wirklich überzeugend. Und erst recht mag sich nicht das Gefühl einstellen, irgendjemand in Griechenland honoriere auch nur im Ansatz die finanzpolitischen Verrenkungen der europäischen Nachbarn.

Wird die Lage politisch offiziell analysiert, ist allenthalben zu hören, Griechenland sei „auf einem guten Weg“. Wie lang oder steinig der noch sein wird, mag freilich niemand verlässlich vorherzusagen. Am wenigsten übrigens die griechische Regierung. Und hier liegt das eigentliche Problem: Es ist der Eindruck entstanden, das Land hangele sich von Hilfspaket zu Hilfspaket. Die Rollen scheinen auf Jahre festgeschrieben: Die Euro-Gruppe zahlt, Griechenland kassiert. Eine Lösung des Problems sieht anders aus.

Trotz alledem haben der Deutsche Bundestag und weitere europäische Parlamente mit klarer Mehrheit beschlossen, Griechenland vor dem sicheren finanz- und wirtschaftspolitischen Verderben zu bewahren. Diese Entscheidung war nicht einfach, aber richtig. Nach wie vor.

Zumindest allen Fachpolitikern war seinerzeit klar, dass die wirtschaftliche Kapazität Griechenlands in Wahrheit nicht ausreicht, das Land risikolos in die Euro-Gruppe aufzunehmen. Der Wunsch, mit einem Beitritt die Außengrenze von Nato und EU im Südosten Europas zu stärken, verdrängte diese Bedenken. Daraus ist damals, wie übrigens auch gegenüber anderen Nationen, die Verpflichtung erwachsen, Griechenland heute nicht fallen zu lassen. Das mag die Geduld strapazieren, Ärger verursachen, für Gewissensbisse sorgen. Aber es gehört zum Wesen einer Gemeinschaft. Ganz wie in einer Familie.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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