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WiRTSCHAFT I
Hans-Christoph Neidlein
Seehofers lange Leitung

Statt Windstrom aus Norddeutschland will Bayern lieber Energie vor Ort erzeugen

Günther Jauch ließ jüngst zur besten Sendezeit am Sonntagabend auf sich warten. Statt des Talks zum „Euro-Schreck“ Griechenland gab es erst einmal knapp 20 Minuten lang eine Archivaufzeichnung aus dem Jahr 2013 mit dem Entführungsopfer Natascha Kampusch zu sehen. Der Grund: Ein Stromausfall im Berliner Stadtteil Schöneberg, der auch in 1.280 Haushalten und 145 Firmen die Lichter ausgehen ließ. Der Ausfall hatte technische Ursachen, Blackouts aufgrund einer Unterversorgung durch Schwankungen bei der Erzeunug von Strom aus erneuerbaren Energien gibt es nicht. Im Gegenteil: Die Versorgung ist besser geworden: Musste jeder Haushalt 2006 noch 21 Minuten pro Jahr auf Strom verzichten, so sind es derzeit 15 Minuten pro Jahr. „Deutschland hat in Europa bisher eines der zuverlässigsten Stromnetze“, unterstreicht Jochen Homann, Präsident der Bundesnetzagentur.

Strom nach Süden „Um die Versorgungssicherheit auch künftig zu sichern und die Energiewende weiter vorzutreiben“, setzt nun Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) auf einen raschen Ausbau des Stromnetzes, vor allem von überregionalen Übertragungsnetzen. Der zunehmende Windstrom aus Norddeutschland soll so besser nach Süddeutschland transportiert werden und die Kernkraftwerke ersetzen. Bereits vor zwei Jahren verabschiedete der Bundestag ein entsprechendes Bundesbedarfsplanungsgesetz, das die Modernisierung und den Neubau von mehreren tausend Kilometern Übertragungsnetzen vorsieht. Eine zentrale Maßnahme hierbei ist Südlink, eine neue Stromautobahn von Schleswig-Holstein nach Bayern.

„Unser Aufwand die Netzstabilität zu sichern wird im Zeichen der Energiewende immer größer, deshalb brauchen wir dringend mehr Höchstleistungsnetze“, sagt Ulrike Hörchens, Sprecherin des Übertragungsnetzbetreibers Tennet. Die Firma mit Sitz in Bayreuth beantragte jüngst bei der Bundesnetzagentur den Bau eines rund 600 Kilometer langen Abschnitts der Südlink-Trasse von Wilster (Kreis Steinburg, Schleswig-Holstein) nach Grafenrheinfeld (Landkreis Schweinfurt). Denn während bis vor einigen Jahren wenige konventionelle Kraftwerke rund um die Uhr Strom lieferten, speisten nun rund 1,5 Millionen Photovoltaik- und Windkraftanlagen schwankend Strom ins Netz, mal zu viel, mal zu wenig, Zudem komme es durch die hohe Windstromeinspeisung in Nordostdeutschland regelmäßig zu Engpässen bei den wenigen bestehenden Hochspannungsleitungen in den verbrauchsstarken Süden. Deshalb müssten die Übertragungsnetzbetreiber immer öfter gegensteuern und in den Kraftwerkspark eingreifen. Auf der einen Seite des Netzengpasses wird die Erzeugung gedrosselt, auf der anderen Seite erhöht, genannt Redispatch. „Mittlerweile müssen wir täglich mehrfach aktiv ins Netz eingreifen“, sagt Hörchens. Die Zahl der Redispatches sei in der sogenannten Regelzone von Tennet von 15 im Jahr 2004 auf über 1000 im Jahr 2014 gestiegen. Allein innerhalb der vergangenen zwei Jahren hätten sich die Kosten hierfür von rund 150 Millionen Euro auf rund 250 Millionen Euro erhöht Dazu komme, dass bei Engpasszeiten im Winter in Süddeutschland zunehmend sogenannte Reservekraftwerke, meist unrentable Gas-, Öl- und Kohlekraftwerke, wieder hochgefahren werden müssen, was weitere erhebliche Zusatzkosten verursache. So rechnet Bundesnetzagentur-Präsident Hohmann mit „einer deutlichen Erhöhung der nötigen Reservekraftwerksleistung“ in den kommenden Jahren, wenn die Nord-Süd-Trassen nicht bald ausgebaut werden. Derzeit hat Tennet Reservekraftwerke mit einer Leistung von rund 1,8 Gigawatt unter Vertrag, der Übertragungsnetzbetreiber Transnet BW mit Sitz in Stuttgart rund 1,5 Gigawatt.

Ein starker Verfechter von Südlink, die in einer zweiten Phase nach Baden-Württemberg verlängert werden soll, ist die Stuttgarter Landesregierung. „Früher hatten wir Atomkraftwerke und Stromimport, künftig brauchen wir mehr Import und erneuerbare Energien“, sagt Umwelt- und Energieminister Franz Untersteller (Grüne). Er weist darauf hin, dass Baden-Württemberg gegenwärtig rund 80 Milliarden Kilowattstunden Strom jährlich verbraucht, aber nur rund 60 Milliarden Strom selbst erzeugt. Untersteller treibt auch die Sorge um, dass in Deutschland zwei Strompreiszonen entstehen könnten. Mit teurem Strom im bedarfsstarken Süden der Republik und günstigem Windstrom im überversorgten Norden Deutschlands. Laut Tennet-Sprecherin Hörchens liegt die an Land installierte Windkraftleistung in Schleswig Holstein mit rund vier Gigawatt derzeit schon doppelt so hoch wie der maximale tägliche Stromverbrauch in Höhe von zwei Gigawattstunden. Allein in diesem Jahr kommen noch Offshore Windparks mit zwei Gigawatt dazu, die „die neuen Stromleitungen in den Süden brauchen“, ergänzt Wolfram Axthelm, Srecher des Bundeverbandes Windenergie.

Doch den bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Chef Horst Seehofer lassen solche Argumente kalt. Nachdem er 2013 noch dem Bundesbedarfsplanungsgesetz zustimmte, legte er nun sein Veto gegen Südlink sowie gegen die vorgesehene Gleichstrompassage Süd-Ost aus Sachsen-Anhalt ein. „Der Netzausbau im großen Stil ist nicht notwendig“, sagt Seehofer. Ein wichtiger Faktor ist hierbei neben den zahlreichen Protesten von betroffenen Anwohnern entlang der geplanten Trassen die im Vergleich zu Baden-Württemberg unterschiedliche Struktur der Stromerzeugung. Denn die Stromimportabhängigkeit Bayerns liegt derzeit noch bei unter zehn Prozent, und der Atomstromanteil ist immer noch erheblich. 2013 lag er bei über 45 Prozent. Mit der sukzessiven Abschaltung der Kernkraftwerke bis 2022 wird sich dies jedoch deutlich ändern. Statt mit importiertem Windstrom will Seehofer nun die Stromversorgung im Freistaat durch neue Gaskraftwerke sichern, für deren derzeit unrentablen Betrieb er Bundessubventionen einfordert.

Bis auf Hessen kassierte er nun allerdings von allen anderen Bundesländern hierfür Absagen „Die Zukunft der deutschen Energieversorgung liegt in einer klugen überregionalen und internationalen Vernetzung und nicht in der Kleinstaaterei“, sagt der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Thorsten Albig (SPD). Nachdem sich die Große Koalition vergangene Woche in Sachen Südlink nicht einigen konnte, wurde die Entscheidung wie es mit dem Bau der Stromautobahnen für die Energiewende weitergehen soll, vorerst auf den Sommer vertagt.

Der Autor ist freier Journalist in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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