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Britta Behrendt

Niederlanden

Am 21. Juni 1988 geht vom gewonnenen EM-Halbfinale der Niederlande gegen Westdeutschland vor allem ein Bild um die Welt. Torschütze Ronald Koeman wischt sich mit deutschen Nationaltrikot den Hintern ab. Ein Scherz? Vielleicht.

Tatsächlich haben in den späten 1980er Jahren wie Koeman viele Niederländer eine besonders schlechte Meinung von ihren deutschen Nachbarn. Selbst junge Menschen, die den Krieg und die deutsche Besatzung nicht mitgemacht haben, sind antideutsch. Eine Umfrage des Clingendael Instituts für Internationale Beziehungen unter niederländischen Jugendlichen stellt 1993 fest, dass mehr als die Hälfte der Jugendlichen ein negatives Deutschlandbild haben. 71 Prozent der Befragten finden Deutsche dominant, mehr als die Hälfte Deutsche arrogant, und nur 19 Prozent sehen Deutschland als ein friedliebendes Land.

Ton Nijhuis, Direktor des Duitsland Instituut an der Universität von Amsterdam, sieht den Grund für diese Aversion vor allem im Selbstbild der Niederländer. Als kleiner Nachbar hätten sie sich immer schon am größeren Nachbarn und wichtigstem Absatzmarkt für Handel gemessen und gerieben. Nach den Weltkriegen sei ein Gefühl von zumindest moralischer Überlegenheit gewachsen.

Obwohl Ministerpräsident Lubbers 1989 eine deutsche Wiedervereinigung kritisch sieht und sich zunächst der abwehrenden Haltung Frankreichs und des Vereinigten Königreiches anschließt, sehen die meisten Niederländer die Wende positiv. Dieser Trend setzt sich seitdem durch.

Mit der EU-Ostererweiterung rückt man noch weiter zusammen. Niederländische Medien berichten heute nicht nur mehr über deutsche Themen, sondern betonen auch auf einmal die Gemeinsamkeiten mit Deutschland. In den vergangenen Jahren sei ein neues, von Ressentiments befreites Verhältnis zwischen den Niederlanden und Deutschland entstanden, stellt der Historiker Jacco Pekelder fest. Nicht nur Berlin ist hipp, ganz Deutschland ist mittlerweile beliebtestes Ferienland der Niederländer. Das antideutsche Gefühl wird wohl nur im Fußball weiterleben.

Die Autorin ist freie Journalistin in Den Haag.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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