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KURZ REZENSIERT
Aschot Manutscharjan

Wilfried Buchta: Terror vor Europas Toren

Wilfried Buchta gehört zu den besten Kennern der jüngsten Entwicklungen im Iran und im Irak. Sein herausragendes Buch verfasste er nach seiner Rückkehr aus Bagdad; dort hatte der Orientalist von 2005 bis 2011 als politischer Analyst für die UN-Mission gearbeitet. Während dieser Zeit konnte er mit nahezu allen irakischen Entscheidungsträgern über den Zustand des Landes und dessen Zukunftsperspektiven diskutieren. Einen Dolmetscher brauchte Buchta nicht, er spricht fließend Arabisch und Persisch.

Buchtas Buch ist mehr als wissenschaftliche Abhandlung über den Zerfall des Irak. Vielmehr profitiert der Leser von den Augenzeugenberichten eines professionellen Beobachters, der die politischen Entwicklungen historisch einordnen und analysieren kann. Buchta folgt dabei nicht dem amerikanischen Ansatz des "nation building", sondern widerlegt die von den USA verbreiteten Mythen über den erfolgreichen Demokratisierung des Irak. Er benennt die Ursachen der tiefen politischen und humanitären Krise im Nahen und Mittleren Osten: Verantwortlich für die Misere ist die Invasion der USA vom März 2003, also der "auf der Grundlage von Fehlannahmen, Selbsttäuschungen und Lügen" geführte "falsche Krieg" gegen das Zweistromland. Die Fehlurteile und Konflikte innerhalb der US-Administration führten anschließend zum Scheitern der Besatzungs- und Wiederaufbaupolitik.

Detailliert berichtet Buchta, wie sich aus den innenpolitischen Krisen des Irak der Bürger- und der Religionskrieg entwickelten. Zu den Spätfolgen dieser Ereignisse gehört die Gründung des sogenannten "Islamischen Staates" (IS), gegen dessen militärische Erfolge es bislang keine wirksame Strategie gibt. Die USA wollen keine Bodentruppen gegen den IS einsetzen, da sie die zu erwartenden hohen eigenen Verluste fürchten. "Sie lassen lieber die kurdischen Peschmerga kämpfen." Buchtas Fazit fällt ebenso nüchtern wie realistisch aus: Der Kampf gegen den IS wird noch lange weitergehen.


Campus Verlag, Frankfurt/M. 2015; 413 S., 22,90 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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