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Claus Peter Kosfeld
Viele Flüchtlinge brauchen eine Psychotherapie

Den schwer traumatisierten Asylbewerbern soll geholfen werden. Grünes Licht auch für die Gesundheitskarte

Wenn die Kriegsflüchtlinge aus dem Nahen Osten nach ihrer oft monatelangen Odyssee durch halb Europa in Deutschland ankommen, sind ihnen die lebensgefährlichen Strapazen oft noch anzusehen. Müdigkeit, Hunger, Durst und allgemeine Erschöpfung prägen viele Gesichter. Und doch täuschen die Bilder über ein wesentliches Problem hinweg: Psychologen schätzen, dass mindestens jeder zweite Flüchtling, der es hierhin geschafft hat, schwer traumatisiert ist und psychologische Hilfe braucht, Kinder wie Erwachsene. Die meisten Flüchtlinge leiden unter einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) oder Depressionen.

Die psychische Verarbeitung von Todesangst, Gewalt, Ausgrenzung, Isolation, Vertreibung, Folter, Vergewaltigung und Inhaftierung, verbunden mit materiellem Verlust, Hoffnungslosigkeit und einem nicht zu unterschätzenden Kulturschock in der Fremde ist schwierig und langwierig. Flüchtlinge haben in Deutschland zunächst aber kein Anrecht auf psychotherapeutische Betreuung und sind meist angewiesen auf Hilfen außerhalb der Regelversorgung, wie sie etwa von den psychosozialen Behandlungszentren angeboten werden. Die Bundesweite Arbeitsgemeinschaft der psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer (BAFF) kooperiert unter anderem mit Amnesty international, der UNO-Flüchtlingshilfe, Wohlfahrtsverbänden sowie Ärzte- und Psychotherapeutenkammern. Unter ihrem Dach kümmern sich bundesweit 26 psychosoziale Behandlungszentren mit speziell geschulten Psychologen um die Opfer von Flucht und Gewalt. Ihnen kommt dieser Tage eine besondere Aufmerksamkeit zu.

Gesundheitskarte In der Aussprache über einen Grünen-Antrag (18/6067) zur psychosozialen Versorgung der Flüchtlinge vergangenen Freitag im Bundestag waren sich die Abgeordneten einig, dass auch die gesundheitspolitische Dimension dieser Flüchtlingskrise weit über alle bisherigen Erfahrungen hinausgeht. Redner aller vier Fraktionen machten deutlich, dass den Flüchtlingen umfassend geholfen werden muss, allerdings gibt es Streit um den richtigen Weg. So ist die Ausgabe der Gesundheitskarte an Flüchtlinge zumindest in der Unionsfraktion weiter umstritten.

Nach Ansicht der CSU birgt dieses Verfahren einen zu großen Anreiz gerade für Flüchtlinge aus dem Balkan. Emmi Zeulner (CSU) referierte resolut die Parteilinie und kündigte an, Bayern werde die Gesundheitskarte für Flüchtlinge nicht einführen. Beim Flüchtlingsgipfel in Berlin tags zuvor hatten sich Bund und Länder darauf verständigt, dass den Ländern freigestellt sei, ob sie die Karte einführen. Mit der Gesundheitskarte können Flüchtlinge ohne Umweg über eine Behörde einen Arzt aufsuchen. Die medizinischen Leistungen bleiben aber eingeschränkt. Erst nach 15 Monaten Aufenthalt in Deutschland haben Asylbewerber dann Anspruch auf Leistungen auf dem Niveau der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Allerdings soll die psychotherapeutische und psychiatrische Behandlung von Flüchtlingen durch eine Änderung der Zulassungsverordnung für Vertragsärzte verbessert werden.

Wie Ute Bertram (CDU) erläuterte, sollen die Zulassungsausschüsse dazu verpflichtet werden, Ärzte, Psychotherapeuten und Einrichtungen wie die psychosozialen Zentren auf Antrag zu ermächtigen, einen besonders schutzbedürftigen Personenkreis zu versorgen. Hier gehe es um Opfer von Folter und sexueller Gewalt. So könnten begonnene Therapien der Akutversorgung von Therapeuten auch dann fortgeführt werden, wenn sie bislang nicht zugelassen worden seien. Das sichere Kontinuität in der Behandlung. Noch ungeklärt ist jedoch das ständige Dolmetscher-Problem. Maria Klein-Schmeink (Grüne) sprach sich dafür aus, die psychosozialen Zentren finanziell besser auszustatten. Es könne nicht sein, dass so wichtige Stellen mit ihren spezialisierten Fachleuten vor allem von Spenden abhängig seien.

Kathrin Vogler (Linke) begrüßte, dass die Gesundheitskarte für Flüchtlinge nun doch kommen solle, wenn auch zu spät und nicht überall. Die Vorbehalte der CSU nannte die Linken-Politikerin "zynisch, absurd, unsinnig".

Hilde Mattheis (SPD) mahnte: "Hinter allen Zahlen steht ein Mensch, mit all seinen Ängsten, Bedürfnissen und Hoffnungen." Mit der Gesundheitskarte würden die Zugänge erleichtert, nicht Leistungen ausgeweitet. Dirk Heidenblut (SPD) ergänzte, man dürfe Menschen in Not nicht mit Zugangsbeschränkungen einfach vor der Tür stehen lassen. Hier bestehe unzweifelhaft sofortiger Handlungsbedarf. Ohne geeignete Therapie drohten Flüchtlingen exorbitante Folgeschäden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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