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EDITORIAL
Jörg Biallas
Frage des Anstands

Die Welt ist in Schieflage geraten. Millionen und Abermillionen fliehen vor Krieg, Hunger und Elend aus ihrer Heimat. Ständiger Begleiter ist die Angst vor der Zukunft. Das bisschen Hoffnung auf eine bessere Zeit in der Fremde wird täglich aufs Neue von Perspektivlosigkeit attackiert. Sie haben Ziele vor Augen, die sie nur vom Hörensagen kennen: Deutschland, Schweden, England. Dort, heißt es, wird ihnen geholfen, gibt es Essen, Kleidung, ein Dach über dem Kopf, Schulen für die Kinder. Und später Arbeit oder einen Studienplatz. Sie werden ein Leben in Freiheit und Sicherheit führen können, irgendwann. Hoffentlich.

Für viele, die die Strapazen und Gefahren der Flucht überleben und eines der gelobten Länder erreichen, erfüllen sich die Träume. Andere bezahlen die Reise in die Ungewissheit mit dem Leben oder werden zurückgeschickt, weil sie die Voraussetzungen für politisches Asyl nicht erfüllen. Wenn die Migranten in Deutschland stranden, wird ihnen große Hilfe zuteil. Das verdient Anerkennung für jene, denen das Schicksal dieser Menschen nicht egal ist.

Wir können das schaffen, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) über die Herausforderungen, die aus dem Flüchtlingsstrom erwachsen. Dafür hat sie nicht nur Beifall geerntet. Wir können das schaffen? Ja, gewiss, aber wir müssen es auch schaffen wollen. Denn das Problem ist keineswegs zuvorderst ein finanzielles, sondern ein emotionales. Ein wachsender Teil der Bevölkerung betrachtet die Entwicklung mit Sorge. Es muss gelingen, diese Menschen zu überzeugen, dass Migranten unser gesellschaftliches Gefüge nicht bedrohen, sondern bereichern können. Andernfalls werden die Skeptiker zunehmend zur Beute verwirrter Rattenfänger, die das Problem verschärfen, indem sie feige Flüchtlingsunterkünfte in Brand setzen und auch noch glauben, sie erwiesen der Allgemeinheit einen Dienst.

Die Flüchtlingskrise stellt nicht nur die Wertegemeinschaft der Europäischen Union auf eine harte Probe. Sie führt auch vor Augen, wie erbarmungslos uns die politischen, sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Katastrophen anderer Nationen einholen. An vielen dieser Probleme ist der wohlhabende Teil der Welt nicht unschuldig. Es ist also nur recht und billig, jetzt den Opfern solcher Entwicklungen zu helfen. Wenn das vor Ort geschehen kann, ist es gut. Wenn nicht, gebietet der Anstand, Zuflucht zu gewähren. Trotz aller Belastung.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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