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WISSENSCHAFT
Rainer Kurlemann
Tante Hennies Geheimnis

Forscher sucht nach Möglichkeiten, das Leben zu verlängern. Ethisch ist das aber umstritten

Selbst den älteren Menschen fehlt eine passende Erklärung. "Mein Alter? Ich weiß nicht, es ist einfach so passiert", antwortete Tante Hennie in Interviews zu ihren Geburtstagen. Die alte Dame, die mit bürgerlichem Namen Hendrikje van Andel-Schipper hieß, war einige Zeit die älteste lebende Frau der Welt. Sie starb im Alter von 115 Jahren und zwei Monaten. Die frühere Lehrerin konnte nur noch schlecht sehen, das Laufen fiel ihr schwer und sie benötigte ein Hörgerät. Aber sonst war Tante Hennie rege und aktiv. Ihr Tod im August 2005 kam trotz des hohen Alters überraschend: Die Niederländerin starb nicht an Altersschwäche, sondern an einem nicht entdeckten Magenkrebs. Vielleicht hätte sie noch älter werden können.

Aber das schaffen nur wenige. Das Alter von 115 oder 116 Jahren scheint für den menschlichen Körper eine natürliche Grenze zu markieren. Lediglich fünf Menschen wurden bisher 117 Jahre oder älter. An der Spitze der offiziellen Rekordliste, die Dokumente über den Geburtstag verlangt, steht Jeanne Calment. Die Französin vollendete sogar ihr 122. Lebensjahr.

Problem bei Stammzellen Doch in Zukunft könnte es neue Rekorde geben. Die natürliche Grenze für das Alter des Menschen wackelt. Die Zahl der Hundertjährigen könnte wachsen, vielleicht werden die Super-Alten noch älter als bisher. Im Labor ist das bei Tieren schon gelungen: Wissenschaftler haben das Leben von Mäusen und Co. verlängert. Sie verhindern Krankheiten, verbessern die Ernährung, schützen lebenswichtige Zellen und identifizieren Gene, die das Altern verlangsamen.

Einige dieser Strategien könnten auch beim Menschen erfolgreich sein. Denn Forscher verstehen immer besser, warum der Mensch vergreist. Muskelkraft und Stoffwechsel schwächeln. Genetisch gesehen bedeutet Alterung die schleichende Zerstörung der Erbinformation in den Körperzellen und die fehlerhafte Ablesung und Verarbeitung der DNA. Je größer die Fehlerquote, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass die Zelle stirbt, nicht mehr funktioniert oder Krankheiten verursacht. Irgendwann ist das Erneuerungspotenzial des Körpers offenbar erschöpft. Das ist besonders bei Stammzellen ein Problem. Dieser Zelltyp hat eine spezielle Aufgabe: Stammzellen teilen sich und versorgen den Körper mit frischen Zellen. Sie sind die wichtigste Quelle für neues Gewebe und die Regeneration einiger Organe.

Aus dem wachsenden Wissen entstehen Strategien zur Verlängerung des Lebens. Bei Drosophila-Fliegen klappt das schon ganz gut. Heinrich Jasper vom Buck-Institut in Novato (USA) wollte den Alterungsprozess der Insekten bremsen. Dazu musste er an den Darm der Fliegen ran, quasi die Schwachstelle vieler Drosophila. Er aktivierte ein Gen, das für eine Substanz verantwortlich ist, die im Laufe des Fliegenlebens immer weniger gebildet wird und deren Fehlen zu Alterserscheinungen führt. Wegen der Extra-Dosis aus dem aktivierten Gen lebten viele Fliegen ein längeres Fliegenleben. Die Gesamtlebensdauer der Insekten erhöhte sich allerdings nicht.

Der Mensch ist aber keine Fliege. Bei ihm ist der Zusammenhang zwischen Genen, Alterungsprozess und Langlebigkeit viel komplexer. Weltweit versuchen mehr als zwei Dutzend Initiativen, mithilfe riesiger Datenmengen und Hochleistungscomputern diesem Zusammenhang auf die Spur zu kommen. Eine dieser Initiativen ist die neue Firma von Gen-Forschungs-Pionier Craig Venter. "Unser Ziel ist es nicht, unbedingt das Leben zu verlängern, aber wir wollen die gesunde, produktive Lebensspanne ausweiten", erklärt Venter. Seine Firma will jedes Jahr die DNA von 100.000 Menschen entschlüsseln. Der Vergleich der Gene von gesunden und kranken Menschen soll die genetischen Muster von Krankheiten offenbaren.

Wer diese Muster in seiner eigenen DNA entdeckt, könnte im Dienst eines längeren Lebens durch rechtzeitige Vorsorge den Beginn der Krankheit verschieben oder gleich sein Erbgut und das seiner Kinder korrigieren lassen. Die Werkzeuge zum Ausgleich solcher Schwächen des Genoms haben Konjunktur. Vor allem eine neue Methode mit dem umständlichen Namen CRISPR/Cas9 liefert überraschende Ergebnisse. Sie erlaubt die Veränderung des Erbguts mit fast chirurgischer Präzision. Einzelne Elemente aus der DNA können wie Buchstaben in einem Text gezielt ausgetauscht werden. Mit erstaunlichen Folgen: Chinesische Forscher haben durch genetische Manipulationen die Muskelmasse von Hunden verdoppelt und das Wachstum von Schweinen auf ein Drittel der Größe ihres Artgenossen begrenzt.

Zudem sammeln Forscher weltweit Daten von Menschen, die das 95. Lebensjahr überschritten haben. Sie suchen nach genetischen Faktoren, die Langlebigkeit unterstützen. Das Ergebnis ist noch enttäuschend und nur schwer zu verwerten. Die "New England Centenarian Study" kennt derzeit 130 Gene, die bei vielen, aber nicht bei allen Super-Alten in einer bestimmten Form ausgeprägt sind. Mit diesem Gen-Set kann der Körper anscheinend Funktionseinschränkungen anderer Gene ausgleichen.

Aber selbst diese Spezialausstattung bedeutet keine Garantie für ein langes Leben. Altersforscher haben eine wichtige Voraussetzung für ein hohes Alter identifiziert: Wer alt werden will, benötigt in jüngeren Jahren vor allem das richtige Umfeld. Umweltschutz, Ernährung, Arbeit und Versorgung spielen in den ersten sechs Jahrzehnten eine größere Rolle als die DNA.

Leistungszahlen Auch Tante Hennie wollte helfen, um das Rätsel des Alterns aufzuklären. Mit 82 Jahren erlaubte sie der Wissenschaft, ihren Körper zu Forschungszwecken zu nutzen. Hennies DNA wurde entschlüsselt, ihre Organe wurden untersucht. Doch die größte Überraschung lieferte die Analyse ihrer Blutzellen. Die Wissenschaftler glaubten zunächst an einen Messfehler. Normalerweise besitzt ein Mensch etwa 11.000 blutbildende Stammzellen, von denen mehr als 1.000 aktiv in der Produktion beteiligt sind. Doch Tante Hennies Blutzellen wiesen erstaunliche Ähnlichkeiten auf. Sie waren alle Abkömmlinge von nur zwei Stammzellen. Zwei Stammzellen reichten, um die 115-Jährige ausreichend mit neuen Blutzellen zu versorgen.

Diese große Leistungsfähigkeit einzelner Stammzellen könnte die Quelle für Lebensverlängerung sein. Denn Forscher wissen schon länger, dass der Mensch einen Teil seiner Stammzellen innerhalb der Organe abschirmt, wenn er sie nicht benötigt. "Sie werden in eine Art Schlafzustand versetzt", erklärt Andreas Trumpp vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg. "Dabei bleiben sie intakt, sind aber vor DNA-Schäden und damit vor einem vorzeitigen Altern geschützt." Die schlafenden Zellen erweisen sich als extrem widerstandsfähig, Stammzellen der Muskulatur können sogar nach dem Tod des Menschen noch ein paar Wochen weiterleben. Forscher am DKFZ suchen deshalb einen Weg, wie sie solche Zellen bei älteren Menschen aufwecken können, damit sie frische Zellen produzieren.

Und falls sich schlafende Stammzellen nicht wecken lassen, sollten die aktiven Zellen besser geschützt werden. Denn je mehr Stammzellen überleben, desto besser ist das Regenerationsvermögen des Körpers. Dabei spielt ein Gen mit dem Namen Myc eine wichtige Rolle. "Myc ist so etwas wie das Gaspedal in der Zelle. Es reguliert, wie intensiv die Stammzellen verwendet werden", erklärt Andreas Trumpp. US-Forscher haben das Potenzial von Myc bereits ausgelotet. Sie haben Mäuse genetisch verändert, sodass sie nur noch die Hälfte an Myc produzierten. "Die Tiere blieben völlig gesund, aber sie wurden im Schnitt 15 Prozent älter als ihre normalen Artgenossen", berichtet Trumpp.

Theoretisch eignet sich die Regulierung von Myc zur Lebensverlängerung. Eine Pille, die Myc bremst, würde den Druck vom Gaspedal nehmen und die Stammzellen schonen. Vermutlich gibt es noch weitere Stoffwechselprozesse, die das Altern beschleunigen und sich durch Medikamente bremsen lassen. Wer jahrelang Tabletten nimmt, könnte die eigenen Ressourcen länger nutzen. Ließe sich das Mäuse-Ergebnis auf den Menschen übertragen, könnte er 130 Jahre alt werden.

Es braucht aber nicht unbedingt Medikamente, um das Leben zu verlängern. "Die meisten Organismen verfügen über lebensverlängernde Reserven, die nicht genutzt werden - sicherlich auch der Mensch", sagt Jan Hoeijmakers, Molekularbiologe an der Erasmus-Universität in Rotterdam. Er glaubt, dass die Ernährung solche Ressourcen freisetzen kann. Hoeijmakers ließ eine spezielle Art von Labormäusen Gedächtnisübungen machen, testete ihre Fitness und das Koordinationsvermögen. Zudem erhielten die Tiere ein Drittel weniger Nahrung, nachdem sie etwa die Mitte des normalen Mäuselebens erreicht hatten. Der Effekt war dramatisch. Bei einigen seiner aktiven Diätmäuse konnte Hoeijmakers die Lebensdauer mehr als verdoppeln.

Bei allen Fortschritten, Ethiker bewerten die Forschung zur Lebensverlängerung mit Zurückhaltung. Für Christoph Rehmann-Sutter ist Langlebigkeit keinen Wert an sich. "Ein gutes Leben misst sich nicht daran, wie lange es dauert, sondern an Sinn-Kriterien", erklärt er. Das frühe Sterbenmüssen sei ein Problem, wenn jemand nicht mehr das tun könne, was er immer habe tun wollen. Der Bio-Ethiker unterteilt die Forschungsansätze in zwei Gruppen. "Ich habe nichts gegen Maßnahmen, die gleichzeitig in der Gegenwart das Leben verbessern, wie zum Beispiel Sport, gesundes Essen oder weniger Krankheiten, wenn das quasi im Nebeneffekt dazu führt, dass der Mensch vielleicht länger lebt", so Rehmann-Sutter.

Genetische Veränderungen oder Gen-Therapien in jungen Jahren, die nur darauf zielen, dass das Leben länger dauert, lehnt der Professor für Theorie und Ethik der Biowissenschaften an der Uni Lübeck hingegen ab. Auch eine Pille für ein längeres Leben, selbst wenn diese ohne Nebenwirkungen bliebe, betrachtet er mit Skepsis. "Jeder Mensch sollte sich zweimal überlegen, ob er diese Pille wirklich jahrelang nehmen möchte. Es kann sein, dass das Leben zwar lang aber auch einsam und langweilig wird", sagt er. Auch die Gesellschaft stünde dann vor neuen Herausforderungen, denn der Einzelne könnte dann bewusst entscheiden, seine Lebensdauer zu verlängern. "Die Verlängerung der Lebensspanne im 20. Jahrhundert war ein kontinuierlicher Prozess durch verbesserte Medizin und Volksgesundheit. Da sind wir gemeinsam hinein gewachsen, das war nichts, was der Einzelne für sich selbst entschieden hat", erklärt Rehmann-Sutter. "Man muss immer fragen: Wie entwickeln sich die sozialen Beziehungen zwischen den Verlängerten und den Nichtverlängerten? Es würden bewusst neue Ungleichheiten geschaffen."

Rainer Kurlemann

Der Autor ist freier Wissenschaftsjournalist.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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