Inhalt

EDITORIAL
Jörg Biallas
Vom Tod zum Leben

Leicht macht es sich mit dem Sterben niemand. Die Betroffenen ohnehin nicht. Deren Angehörige nicht. Die betreuenden Ärzte nicht. Aber auch der Gesetzgeber nicht.

Engagiert, emotional und empathisch wird in der Politik seit Monaten über ein würdiges Ende des Lebens diskutiert. Es ging um erlaubte Hilfe zur Selbsttötung, um die Rolle der Ärzte dabei, um das Selbstbestimmungsrecht des einzelnen Menschen. Themen mithin, die innere Werte ganz individuell berühren und wohl schon deshalb so schwer in allgemeingültige Regeln zu fassen sind.

Die leidenschaftliche Debatte über die Sterbebegleitung am vergangenen Freitag hat im Deutschen Bundestag ein verwandtes und nicht minder bedeutendes Thema überschattet. Bereits einen Tag zuvor hatte das Parlament beschlossen, die Hospizversorgung im Land zu verbessern und die Palliativmedizin zu stärken. Ein wichtiger Schritt, damit den gesellschaftlichen Herausforderungen angesichts einer kontinuierlich steigenden Lebenserwartung und zunehmender Vereinsamung älterer Menschen begegnet werden kann.

Überhaupt werden die Folgen des demografischen Wandels die Politik weiterhin und dauerhaft vor schwierige Aufgaben stellen. Viele erleben das Alter bei ordentlicher Gesundheit; andere brauchen oft jahrelang aufwändige und damit teure Pflege.

Der Solidargemeinschaft stellen sich deshalb Fragen auf ganz unterschiedlichen Ebenen:

Ist unser Rentensystem noch richtig justiert?

Wie sind ältere Menschen auch nach dem Ausstieg aus dem regulären Erwerbsleben auf freiwilliger Basis weiterhin in den Arbeitsprozess integrierbar?

Welche Maßnahmen könnten Arbeitnehmern in medizinischen Pflegeberufen zu dem Ansehen verhelfen, das sie angesichts ihrer Bedeutung für das Allgemeinwohl verdienen?

Bezahlen wir diese Menschen eigentlich angemessen?

Wäre es nicht ein lohnendes Ziel, die Standards bei der Unterbringung und Betreuung für alle Senioren zu verbessern, auch unabhängig von den individuellen finanziellen Möglichkeiten?

In diesen Tagen wird viel vom Sterben gesprochen. Das ist gut und richtig. Denn mit dem Nachdenken über den Tod wächst die hilfreiche Erkenntnis, wie wichtig ein bewusstes Leben ist.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag