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Gewalt
Hans Krump
Krieg in unserer Zeit

Der Politologe Herfried Münkler legt eine Theorie der neuen »hybriden Konflikte« vor

Der Ukraine-Russland-Konflikt, der Bürgerkrieg in Syrien, das Treiben der Terrormilizen des "Islamischen Staats" (IS) oder mörderische Islamisten-Attacken wie kürzlich in Paris zeigen es: Die "Friedensdividende" der unblutigen Umwälzungen von 1989/90 in Europa ist vorbei, das "Ende der Geschichte" entgegen den Träumen des Politologen Francis Fukuyama nicht eingetreten. Der Krieg als "Vater aller Dinge" (Heraklit) ist nicht verschwunden. Er hat nur chamäleonartig "neue Gestalt" angenommen, schreibt der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler in seinem Buch "Kriegssplitter".

Heute seien angesichts zerstörerischer Waffen und intolerabler wirtschaftlicher Lasten große Staatenkriege wie in den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts undenkbar. Kriege finden als "hybride Kriege" statt, wo Staaten- und Bürgerkriege verschwimmen, Attacken aus undefinierbaren Räumen kommen, mit nichtstaatlichen Akteuren wie Terrornetzwerken, Warlords oder privaten Militärfirmen. Die Schläge der Staaten in diesen asymmetrischen Zermürbungskriegen gleichen "Polizeikriegen". Es geht um Partisanenaktionen und ihre Abwehr, um Cyber-Kriege, um die Nutzung moderner Medien.

Wie kaum ein anderer deutscher Wissenschaftler hat sich Münkler in diese neuen Kriege eingearbeitet. In "Kriegssplitter" wartet der Professor an der Berliner Humboldt-Universität mit einer Theoriebildung, einer "Grammatik" über die "fluiden" Kriege in entgrenzten Räumen mit ihren gegensätzlichen Akteuren auf. Bei ihnen sieht der Autor den Zusammenprall von "postheroischen Gesellschaften" mit "heroischen Gemeinschaften". Dieser Gegensatz ist für Münkler konstitutiv für seine Erklärung der modernen Kriegswirklichkeit. Westliche Gesellschaften seien nach den Hekatomben von Toten in den Weltkriegen pazifiziert. In ihrer Verwundbarkeit gäben sie Militäraktionen teils an private Firmen oder Geheimdienste ab und führten wie die USA "bequeme" Drohnenkriege aus sicherer Ferne. Ihnen stünden asymmetrische heroische Formationen an den Rändern der westlichen Wohlstandzone gegenüber, wo es einen Mythos des Selbstopfers und religiös aufgeladenes Sendungsbewusstsein wie beim IS gebe. Zwischen beiden gibt es kein Verständnis.

Im Buch führt Münkler seine Studien der vergangenen Jahre zusammen: Zum Ersten Weltkrieg, den Imperien, der Geopolitik und den neuen Kriegen. Es geht um das veränderte Kriegsvölkerrecht seit dem 30-jährigen Krieg, die Fortwirkungen des Ersten Weltkriegs mit seinen konfliktbeladenen "postimperialen Räumen" (Balkan, Ukraine, Kaukasus, Libyen, Naher Osten) bis hin zu den hybriden Kriegen. Wegen der Fülle der Kompilationen wirkt der Band an manchen Stellen nicht ganz konzise. Münklers Bedrohungsszenarien für die Zukunft haftet natürlichermaßen viel Wahrsagerei inne, die übertrieben sein mag. Obwohl es schwerpunktmäßig um Kriege im 20. und 21. Jahrhundert geht, finden sich beim Autor immer wieder interessante Einsprengsel aus der früheren Kriegsgeschichte. Ja, er greift sogar auf die Bibel oder antike Sagen zurück, um asymmetrische Konstellationen bis in die Anfänge der Menschheitsgeschichte zurückzuverfolgen, etwa beim Kampf des David gegen Goliath oder bei der List des Odysseus bei der Eroberung Trojas.

Der Autor plädiert für eine Rückkehr der Geopolitik im politischen und wissenschaftlichen Denken in Deutschland, ein nach 1945 hierzulande wegen des Missbrauchs durch die Nationalsozialisten lange verpönter Begriff. Ohne Geopolitik könne aber die neue alte europäische Zentralmacht Deutschland ihre eigene Lage nicht verstehen. Und erst recht nicht die aktuellen Krisenherde vom Ukraine-Konflikt bis zum Syrien-IS-Krieg, meint Münkler. Dabei gehe es auch um Territorien im klassischen Sinne, siehe die russische Krim-Annexion. Andererseits: Für Terrorgruppen wie Al-Qaida oder den IS sind Räume unwichtiger geworden, weil sie an keine Territorien gebunden seien. Deshalb scheiterten auch westliche Strategien von Raumkontrollen wie in Afghanistan oder im Irak. Heute gehe es mehr um die Kontrolle von Menschen-, Güter- oder Finanzströmen in der Welt.

Es ist bemerkenswert, dass sich Münkler in einem guten Drittel seines Buchs über die modernen Konflikte des 21. Jahrhunderts mit einem Krieg vor 100 Jahren befasst. Aus dem Ersten Weltkrieg, hält der Autor geschichtsvergessenen Politikern in Europa vor, gebe es unendlich viel zu lernen. Nicht nur habe er das viel beschriebene "postheroische Zeitalter" eingeläutet, trotz Hitler und Stalin. Diese "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" zeige uns auch, wie unbedachte eskalierende Schritte hin zum Großkonflikt zu vermeiden seien. Und, wie man vor falschen Schlussfolgerungen stets auf der Hut sein müsse. Vor allem aber: Die Ergebnisse des Kriegs von 1914 bis 1918 wirkten in den vom Habsburger, Zaren- und Osmanischen Reich hinterlassenen unfriedlichen "postimperialen Räumen" an Europas Grenzen unmittelbar in die heutige Zeit hinein. Deshalb müsse man die "Ränder und Peripherien der europäischen Wohlstandszone sehr im Auge behalten und in ihre Stabilität investieren", bilanziert Münkler. Eine Erkenntnis, die mit Blick auf die täglichen Flüchtlingsströme mittlerweile an Europas Kabinettstischen Allgemeinplatz geworden ist.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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