Inhalt

AUTOBIOGRAFIE
Alexander Weinlein
Der Mann im Reisfeld

Das Leben und journalistische Schaffen des Peter Scholl-Latour

Peter Scholl-Latour wäre nicht er selbst gewesen, hätte er nicht sein letztes Werk in größere historische Zusammenhänge eingebunden. Von der Terrasse seines Hauses in der kleinen südfranzösischen Gemeinde Tourettes-sur-Loup, auf der der 87-jährige Journalist im Januar 2012 seine Memoiren zu schreiben beginnt, schweift sein Blick über die Gebirgszüge des Esterel-Massiv, "das im Mittelalter erobernden Sarazenen als Bollwerk diente", hinab zum Hafen von Antibes, dem antiken Antipolis, das griechische Händler besiedelten "lange bevor es der Provincia Narbonensis des Römischen Reiches einverleibt wurde".

Seine Leser und Fans haben Scholl-Latour stets dafür bewundert, wie er das aktuelle politische Geschehen in die Weltgeschichte einordnete und aus ihr heraus zu erklären suchte. Diesem Ansatz ist er in seinen Lebenserinnerungen, die bis zum Tod des von ihm so verehrten Charles des Gaulle reichen, treu geblieben. Den geplanten zweiten Band seiner Memoiren, die sich vom amerikanischen Vietnamkrieg bis zum Krieg in Afghanistan spannen sollten, konnte er vor seinem Tod im August vergangenen Jahres nicht mehr vollenden.

Dem 1924 als Sohn eines Lothringer Arztes und einer Elsässerin jüdischer Herkunft in Bochum geborenen Peter Scholl-Latour sind im Verlauf seiner journalistischen Karriere viele Etiketten angehängt worden. Von den einen als "letzter Weltenerklärer" gefeiert, von anderen als "Kassandra" gefürchtet oder als "Besserwisser" geschmäht, orientierte sich Scholl-Latour selbst stets an der Worten des Philosophen Montaigne: "Ich belehre nicht, ich erzähle." Den Begriff "Wahrheit" verortete er in der Theologie, ihm ging es darum, die persönlich erlebte Wirklichkeit zu beschreiben. Von "Weltneugier" getrieben, wäre er nach eigener Aussage der geborene Entdecker oder Konquistador gewesen.

Entdeckt und erobert hat er trotzdem: Die Welt und die Bücherschränke. Seine journalistischen Reisen führten ihn in alle Länder dieser Erde. Und seine gut drei Dutzend Bücher stürmten seit der Veröffentlichung von "Der Tod im Reisfeld" (1980) regelmäßig die Bestsellerlisten.

Den interessantesten Teil seiner Memoiren bilden jedoch seine Erinnerungen an Kindheit und Jugend. So sollten ihn die Jahre von 1936 bis 1940 im Jesuitenkolleg Sankt Michael im schweizerischen Freiburg nachhaltig prägen. Wenn auch selbst nicht von tiefer Religiosität geprägt, ermöglichte ihm die katholische Sozialisation in Zeiten vor dem Zweiten Vatikanum offenbar einen Zugang zu den religiösen Vorstellungen der Mullahs in Teheran oder der Mudschahedin in Afghanistan, die anderen westlichen Journalisten nicht gegeben war.

Sein früher Hang zum Abenteurertum führte ihn Anfang 1945 in die Haft der Gestapo als er sich den Partisanen Titos anschließen will. Eine erste, wenn auch höchst unfreiwillige Begegnung mit jenen "starken Emotionen", die er sein Leben lang suchte. Ein Jahr später befindet er sich als französischer Soldat bereits auf dem Weg nach Indochina. Die Reisfelder Vietnams werden zur Chiffre für sein späteres journalistisches Schaffen - sei es in der Altstadt von Algier, auf dem Flusslauf des Kongo oder auf den Pfaden des Hindukusch.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag