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Wladimir PUTIN
Aschot Manutscharjan
Er ist Russland

Analysen, Legenden und Privates über den Herrscher im Kreml und sein Umfeld

Die zweite Welle der "Putinologie" hat 2015 die deutschen Buchhandlungen erreicht. Beschränkten sich die zu Beginn des neuen Jahrtausends erschienen Biografien noch weitgehend auf die Präsentation eines damals eher unbekannten, aus dem KGB hervorgegangenen Politikers, dem Boris Jelzin die Macht im Kreml übertragen hatte, so gewähren jetzt drei Bücher tiefe Einblicke in die 15-jährige Herrschaft des russischen Präsidenten und jenes System, das der Historiker Walter Laqueur als "Putinismus" kritisierte.

Russlands Bevölkerung steht nach wie vor hinter der Politik Wladimir Putins: Ungeachtet der Wirtschaftskrise, die nicht zuletzt dem sinkenden Ölpreis geschuldet ist, unterstützen mehr als 80 Prozent der Russen den Präsidenten. Diese hohen Zustimmungswerte seien zum einen auf den in Putins Herrschaftsjahren erreichten Wohlstand zurückzuführen, wie die Journalisten Katja Gloger und Hubert Seipel betonen. Zum anderen sind sie aber auch das Ergebnis eines geschickten PR-Kults um den "guten Zaren", der sich Tag und Nacht um das Volk sorgt und kümmert. Verantwortlich für diese Inszenierung ist Wjatscheslaw Wolodin, der mächtige Erste Stellvertretende Leiter des Präsidialamtes. "Solange es Putin gibt, gibt es auch Russland. Ohne Putin - kein Russland", verkündete der Chefideologe des Kremls im Oktober vergangenen Jahres.

Wolodin muss es wissen: Seine Erkenntnisse beziehe er aus Meinungsumfragen, die ihm wie Kristallkugeln die Zukunft offenbaren, meint Michail Sygar, Chefredakteur des kremlkritischen Fernsehkanals "Doschd" ("Regen"). Anhand von 19 detaillierten politischen Porträts über Putins Gefolge und seine Kontrahenten beschreibt der bekannte Journalist die Politik des Präsidenten. Seine kurzen und treffsicheren Analysen ermöglichen es, die Situation in Russland, die Motive der Strippenzieher, ihre Methoden und ihre Ziele besser zu verstehen. Hierzu zählen beispielsweise der "wissenschaftliche Antiamerikanismus" oder die Proklamation eines "zweiten kalten Krieges", die der Sekretär des Sicherheitsrates, Nikolaj Patruschew, als neue offizielle Ideologie Russlands präsentierte. Laut Sygar ist der ehemalige Chef des Inlandsgeheimdienstes (FSB) der "wichtigste russische Falke", der Kopf der antiwestlichen Partei.

Legenden Der Moskauer Journalist deckt einige der vom Kreml lancierten Legenden auf. Gleichzeitig strickt Sygar allerdings selbst an dem Märchen, Putin habe die Macht in Russland gar nicht erneut übernehmen wollen. Angeblich habe ihn seine engste Umgebung dazu erst überreden müssen. Sygar unterschätzt den Machtwillen Putins deutlich. Indem er den Präsidenten als Opfer von Machenschaften seiner Umgebung stilisiert, entlässt er ihn aus der Verantwortung und befördert selbst die Legende vom "guten Zaren". Tatsächlich gebe es den "schrecklichen Zaren" Putin nicht, meint Sygar. Putin habe "Russland nicht in den Zustand gebracht, in dem es sich heute befindet". Verantwortlich dafür macht er seine Entourage sowie die Akteure im Westen und in den Medien.

Obwohl der russische Journalist den Mut aufbringt, Putins Machtsystem kritisch zu hinterfragen ebenso wie dessen "paranoide" Einstellung zum Westen, wird er vorsichtig, wenn es um die Krim-Eroberung geht. Die Kommando-Operation Ende Februar 2014, als russische Truppen das Parlament und dann die ganze Halbinsel besetzten, bezeichnet er verharmlosend als "Beitritt" oder "Vereinigung". Der Grund liegt auf der Hand: Sollte er die Aktion als "Annexion" charakterisieren, hätte dies für ihn spürbare Konsequenzen.

Wladimir Putin scheint deutschen Journalisten eine strategische Bedeutung beizumessen: So erhielt Katja Gloger, Moskau-Korrespondentin des "Stern", im Jahr 2002 direkten Zugang zum Präsidenten, ein Jahrzehnt später war der ARD-Journalist Hubert Seipel an der Reihe. Gloger erlebte den Privatmenschen Putin. Er kochte für sie Tee und bestrich Butterbrote mit Kaviar. Sie durfte zusehen, wie der Präsident reiten lernte, sich im Schwimmbad tummelte oder angeln ging. Seipel traf den Präsidenten noch öfter und interviewte ihn an den verschiedensten Orten: In der Präsidentenmaschine, in Sibirien oder im Fitnessstudio. Als besondere Ehre durfte er in Putins Limousine mitfahren, in der er zur Amtseinführung durch die menschenleeren Straßen Moskaus chauffiert wurde. Anschließend feierte Seipel mit dem engsten Kreis der persönlichen Freunde der Familie Putin. Dass daraus die unkritische ARD-Dokumentation "Ich, Putin" hervorging, war nur folgerichtig. Sie sollte die Popularität des russischen Präsidenten im Westen festigen, insbesondere in Deutschland.

Schokoladen-Seite Auch in seinem neuen Putin-Buch präsentiert Seipel die Schokoladen-Seite des Präsidenten. Wie könnte es auch anders sein, schließlich hatte Putin dem Journalisten wie einem Beichtvater stundenlang seine Visionen über Russlands Zukunft referiert und ihm einmal in der Nacht sogar seine private Kapelle gezeigt. Vor allem wegen dieser Einblicke in Putins Privatleben ist Hubert Seipels Buch empfehlenswert, aber eben auch mit Vorsicht zu genießen. Für die Vertrauensbeweise bleibt der ARD-Journalist dankbar: Er widerspricht der westlichen Kritik an Putins Politik, indem er akribisch Zitate aus westlichen Medien auswählt und zu widerlegen sucht.

Die überzeugendsten Kapitel seines Buches beschäftigen sich mit dem Kampf gegen die "Oligarchen-Demokraten", die Russlands Volkseigentum geraubt hätten. Kritische Anmerkungen zu Putins Innenpolitik sucht man hingegen vergeblich: Erinnert sei nur an die Abschaffung der Direktwahl der Gouverneure oder die Heraufsetzung der Sperrklausel bei der Dumawahl von fünf auf sieben Prozent, um der demokratischen Opposition den Einzug ins Parlament zu erschweren. Oder die Streichung des Präsidentschaftskandidaten der "Jabloko"-Partei, Grigorij Jawlinskij, von der Wahlliste, um Putins Direktwahl 2012 zu sichern. Und ebenso findet sich bei Seipel kein Satz über die verheerende Korruption des Machtapparats, die der Präsident zwar regelmäßig erwähnt, die er aber nicht zu bekämpfen vermag.

Alte Feindbilder Katja Gloger hingegen beleuchtet auch die dunkle Seite der Putinschen Macht und beweist sich als die wahre "Putin-Versteherin". So arbeitet sie die antiwestliche "Russentum"-Ideologie und die damit einhergehende Wiederbelebung alter Feindbilder deutlich heraus. Glogers quellenreiche Darstellung ist das derzeit beste Buch über Putins Russland auf dem deutschen Markt. Auch weil sie sich bei aller Kritik einen unabhängigen Blick auf die Ereignisse in Russland und in der Ukraine bewahrt. So bewertet sie den Maidan und den Machtwechsel in Ukraine ohne Euphorie. Zu Recht weist Gloger darauf hin, dass der Maidan 2014 genauso mit einem Pakt der korrupten Eliten endete wie bereits die Orangene Revolution zehn Jahre zuvor.

Mit Putins Abwendung von Europa ging die Abkehr vom Modernisierungskurs und der Etablierung eines Rechtsstaats in Russland einher. Es ist kein Zufall, dass 2012 sogar Alexej Kudrin, der zehn Jahre Finanzminister und Putins Freund war, dem neuen Regime geopfert wurde. Sein "Fehler": Er hatte sich gegen die Militarisierung der russischen Wirtschaft ausgesprochen. Jetzt sei Russland frei und entfesselt, stellt Gloger fest. Es bleibe "eine einsame Macht, doch mehr denn je Gefangener der Vergangenheit".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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