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IRAK
Johanna Metz
Verlorene Weltstadt

Najem Walis rührende Liebeserklärung an Bagdad

Sechs Jahre alt war Najem Wali, als er 1962 an der Hand seines Vaters das erste Mal durch Bagdad lief. Die Hauptstadt des Irak kannte er bis dahin nur von Postkarten, jetzt zog er mit dem Vater durch die Plattenläden in der Al-Raschid-Straße, ließ sich mit ihm im Fotostudio von Arschak, einem Christen, für ein Erinnerungsfoto ablichten und erwarb für seine Mutter beim schottischen Buchhändler die neueste Ausgabe des deutschen "Burda-Moden"-Hefts - sehnsüchtig erwartet auch von den anderen Frauen im 400 Kilometer entfernten Amara.

Für den Buben wurde dieser Besuch zu einem Erweckungserlebnis, zu einem "neuen Ausgangspunkt Richtung Leben", wie er 53 Jahre später in seinem Buch "Bagdad. Erinnerungen an eine Weltstadt" notiert. Es ist ein so lehrreiches wie erschütterndes Buch. Wali nimmt den Leser darin mit auf eine Reise durch ein Bagdad, "das es heute nicht mehr gibt", wie er wehmütig schreibt.

Wie war diese Stadt einmal, die heute vor allem für Zerstörung, Fanatismus und Gewalt steht? Wali lässt eine Metropole aufleben, in der Wissenschaft und Kultur über Jahrhunderte blühten und verschiedenste Religionen und Ethnien friedlich zusammen lebten. Er erzählt von seinem Studium in den 1970er Jahren an der Universität von Bagdad, von einer Zeit, in der auch linke Studenten noch in "relativer Freiheit" leben konnten. Die Fotos im Buch zeigen Wali und seine Kumpels in Schlaghosen und mit langen Haaren, die Frauen wie in Paris oder London in kurzen Röcken, Lederstiefeln und modernen Frisuren. Doch all das war vorbei, als die regierende Baath-Partei begann, immer brutaler gegen Oppositionelle vorzugehen. Wali wurde wie Tausende inhaftiert und gefoltert und floh 1980 schließlich nach Westdeutschland, um der Einberufung in den Irak-Iran-Krieg und dem damit wohl sicheren Tod zu entgehen. Zurück ließ er eine Stadt, die für Jahrzehnte zum Schauplatz von Krieg und Terror wurde.

Die Traurigkeit über diesen Verlust ist in jeder Zeile des Buches zu spüren. Er sei aus dem "Paradies der Kindheit" vertrieben worden, schreibt Wali voller Bitterkeit. Aus der Ferne hat er dieser einst so herrlichen Stadt jetzt eine hinreißende Liebeserklärung gemacht.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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