Inhalt

Parlamentarisches Profil
Hans Krump
Die Pazifistin: Ute Finckh-Krämer

Sie hat es wieder getan. Mit wenigen weiteren SPD-Abgeordneten stimmte Ute Finckh-Krämer vergangene Woche im Bundestag - wie schon 2014 - gegen den "Resolute Support"-Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan. Statt eines Abzugs der deutschen Soldaten soll die Truppe am Hindukusch mit neuem Mandat 2016 sogar von 850 auf 980 Mann verstärkt werden, laut Regierung zur Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte. "Ich kann nicht nachvollziehen, warum die Truppe in Afghanistan weiter aufgestockt werden soll und nicht stärker auf Verhandlungen gesetzt wird", empört sich die Berliner Sozialdemokratin.

Seit Jahren sei klar, dass der Bürgerkrieg am Hindukusch durch "Einmischungen von außen nicht gewonnen werden kann", sagt Finckh-Krämer. Insofern seien Begründungen wie der Bundesregierung für das erweiterte Mandat "nicht nachvollziehbar", dass nun auch die Taliban im Land selbst den Krieg nicht gewinnen könnten. In dem jahrzehntelangen Konflikt habe sich deutlich gezeigt, dass letztlich niemand obsiegen könne - weder die Sowjets, Pakistan, die von den USA unterstützten Aufständischen, die Taliban noch die derzeitige Regierung in Kabul. Finckh-Krämer: "Wir müssen intensiv darüber nachdenken, wie dieser Krieg beendet werden kann, ohne Sieger und Verlierer. Sonst gibt es am Hindukusch keinen Frieden."

Sie sei froh gewesen über die Reduzierung der Truppe nach Auslaufen des Isaf-Kampf-Mandats vor einem Jahr. Ein Land wie Deutschland, dass aus historischen Gründen bei den Afghanen immer noch hohes Ansehen habe, sei besser beraten, als "ehrlicher Makler" Friedensprozesse anzustoßen. "Als Partei im Bürgerkrieg wird das aber schwer gelingen." Im August hatte die Abgeordnete auf einer Afghanistan-Reise in einer Delegation mit Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) Einblicke in die Situation im Land gewonnen.

Wird die Bundeswehrmission am Hindukusch zum endlosen Einsatz? "Ich sehe darin jedenfalls kein ernsthaftes Ausstiegsszenario und keinen ernsthaften Weg zur Unterstützung eines Friedensprozesses", sagt Finckh-Krämer. "Deutschland sollte sich militärisch aus Afghanistan zurückziehen." Berlin solle sich nur noch beim zivilen Aufbau engagieren, der Modernisierung des Landes, dem Bildungssystem, dem Agrar-Wiederaufbau oder der Polizeiausbildung.

Kann durch die Bundeswehrpräsenz die starke Fluchtbewegung vieler Afghanen nach Deutschland gebremst werden, wie manche in Berlin hoffen? "Nein. Die Flucht der Afghanen hat viele Ursachen", sagt Finck-Krämer. Die Hilfe für eine Kriegspartei werde die Flucht, die ja nicht nur kriegsbedingt sei, nicht stoppen.

Ute Finck-Krämer ist aus Prinzip gegen alle Bundeswehreinsätze unter Waffeneinsatz, mit Ausnahme von UN-Missionen mit Waffen nur zur Selbstverteidigung. Die 59-Jährige ist überzeugte Pazifistin und seit ihrer Schulzeit friedenspolitisch aktiv. Geprägt wurde sie von ihrem Vater, dem evangelischen Pfarrer Ulrich Finckh. Die Ikone der Friedensbewegung hatte in Zeiten des Ost-West-Konflikts drei Jahrzehnte lang die Zentralstelle für Recht und Schutz der Kriegsdienstverweigerer geleitet. So hatte Tochter Ute konsequenterweise auch 2001 am Reichstag gegen das erste, noch unter SPD-Kanzler Gerhard Schröder durchgesetzte Bundeswehrmandat in Afghanistan demonstriert.

Wie hält sie es in der SPD aus, die seit den 1990er Jahren allen Bundeswehr-Auslandseinsätzen, vom Balkan bis zu Syrien, zugestimmt hat? Warum ist sie nicht in der Linkspartei? "In der Breite der Politikfelder fühle ich mich am besten in der SPD aufgehoben", sagt Finckh-Krämer. Die SPD habe immer eine starke friedenspolitisch engagierte Minderheit gehabt. Im übrigen sei die Linke "keine pazifistische Partei".

Im Bundestag und dort im Auswärtigen Ausschuss sitzt die gebürtige Wiesbadenerin für Berlins SPD seit 2013. Im ersten Leben vor der Politik aber hatte die promovierte Mathematikerin jahrzehntelang mit der "Königin der Wissenschaften" zu tun. Zuerst in der Erwachsenenbildung in Minden und dann im Berliner Benjamin-Franklin-Klinikum, bis sie 2000 ins Presse- und Informationsamt der Bundesregierung wechselte. Was bleibt der verheirateten Mutter zweier Söhne als Hobby? Aikido, die "pazifistischste" aller asiatischen Kampfsportarten, sagt die ebenso drahtige wie zierliche kleine Frau. Der Gegner dürfe nicht ernsthaft verletzt werden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag