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PFLEGE
Claus Peter Kosfeld
Generalisten gefragt

Die Regierung setzt große Hoffnungen in eine Ausbildungsreform

Pflege ist Vertrauenssache, weshalb es bislang vor allem Angehörige sind, die sich um Pflegefälle in der Familie kümmern. Manches professionelle Unterstützungsangebot wird aus Scham oder auch Verantwortungsgefühl ausgeschlagen. Der Vorstandschef des AOK-Bundesverbandes, Martin Litsch, hat unlängst bei der Vorstellung des Pflegereports 2016 vorgerechnet, welche Dimension die familiäre Pflege wirtschaftlich erreicht hat. "Wenn man die Stundenzahl, die pflegende Angehörige aufwenden, mit dem heutigen Mindestlohn multipliziert, dann liegt die Wertschöpfung bei 37 Milliarden Euro pro Jahr", sagte er.

Die Zahl der Pflegebedürftigen wird sich in den kommenden Jahren stark erhöhen (siehe Grafik). Zuletzt sind daher im Bundestag mehrere Gesetze beschlossen worden, um die Versorgung nachhaltig zu verbessern: Die Pflegestärkungsgesetze I und II mit ausgeweiteten Leistungen auch für Demenzfälle, das Pflegezeitgesetz, das Angehörigen eine berufliche Auszeit für die Pflege ermöglicht, die Krankenhausreform mit dem Pflegestellenförderprogramm sowie das Hospiz- und Palliativgesetz mit Möglichkeiten der Betreuung in der letzten Lebensphase. Kein Zweifel, an parlamentarischen Initiativen mangelt es jetzt nicht, wohl aber an professionellen Pflegern, die in der älter werdenden Gesellschaft ungeachtet der interfamiliären Hilfe dringend auch benötigt werden. Experten stimmen darin überein, dass derzeit die Arbeitsbedingungen für professionelle Pfleger und die Bezahlung alles andere als motivierend sind.

Alltagsstress Wie problematisch der Pflegealltag oft aussieht, zeigte vergangene Woche auch eine Aussprache über einen Antrag der Fraktion Die Linke (18/7568) mit der Forderung nach Aufstockung des Pflegepersonals. Sabine Zimmermann (Linke) sagte, den Pflegern stehe das Wasser bis zum Hals. Elisabeth Scharfenberg (Grüne) berichtete, Pflegekräfte müssten etliche Überstunden leisten und würden sogar aus dem Urlaub geholt. Das führe dazu, dass viele Fachkräfte vorzeitig ausschieden. Lothar Riebsamen (CDU) räumte ein, dass in den zurückliegenden Jahren viele Pflegestellen in Kliniken abgebaut worden seien, seit 2008 stiegen die Zahlen aber wieder an. Am vergangenen Freitag stand dann das Pflegeberufegesetz der Regierung (18/7823) erstmals auf der Tagesordnung des Parlaments. Die generalistische Pflegeausbildung soll nicht weniger als einen Durchbruch bringen, um mehr Pflegefachkräfte für den Beruf zu begeistern. Das Gesetz zielt auch darauf ab, Pflegekräfte nach drei Jahren Ausbildung universell einsetzen zu können. Dazu werden die bislang getrennten Ausbildungen Krankenpflege, Kinderkrankenpflege und Altenpflege zusammengeführt. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) verteidigte diese Entscheidung. So sei in den Krankenhäusern vermehrt Know-how aus der Altenpflege gefragt, und in der Altenpflege sei Wissen aus der Krankenpflege unerlässlich. Das einheitliche Berufsbild schaffe auch bessere Entwicklungs- und Aufstiegschancen. In der praktischen Ausbildung sei eine Vertiefung möglich. Somit bleibe die bisherige Qualifikation erhalten. Den Hauptschülern werde der Zugang zur Pflegeausbildung erleichtert. Hinzu komme das Pflegestudium. Gröhe erinnerte daran, dass die Reform bereits seit über zehn Jahren diskutiert werde, es könne also niemand behaupten, hier würde etwas "über das Knie gebrochen".

Pia Zimmermann (Linke) sagte, die Aufwertung der Pflegeberufe sei überfällig. Sie sprach jedoch von einem "Schmalspurgesetz". So würden die sehr schlechten Arbeitsbedingungen nicht angegangen. Nötig sei eine bundesweit einheitliche Personalbemessung. Auch die Bezahlung vor allem in der Altenpflege müsse besser werden. Zimmermann hielt der Regierung vor: "Sie ignorieren die eigentlichen Probleme und machen Politik auf dem Rücken der Beschäftigten." Scharfenberg argumentierte, die Spezialisierung habe in der heutigen Gesellschaft einen noch größeren Stellenwert als früher, sie abzuschaffen wäre falsch. Sie warnte: "Die Generalisierung mutiert zur eierlegenden Wollmilchsau." Die Pflege von der Wiege bis zur Bahre funktioniere nicht. Kinder seien keine kleinen Erwachsenen. Spezialwissen sei nötig etwa bei der Betreuung chronisch kranker Kinder oder bei Älteren in Fällen von Demenz.

Frauensache Elke Ferner (SPD) erwiderte, der Entwurf sei "alles andere als ein Schmalspurgesetz". Die Generalistik mit Vertiefungsschwerpunkt werde den Pflegekräften ermöglichen, in allen Bereichen zu arbeiten. Zudem werde das Schulgeld abgeschafft, das bisher in einigen Ländern noch erhoben wird. Sie erinnerte zugleich daran, dass die Pflege vor allem von Frauen geleistet werde und eine Altenpflegerin derzeit rund 20 Prozent weniger verdiene als die Pflegefachkraft im Krankenhaus. Hier müsse sich etwas bewegen. Erich Irlstorfer (CSU) sagte, Pflege sei ein Thema, das "uns alle wirklich berührt". Die Pflegeversorgung für die Zukunft sicherzustellen sei die herausragende Aufgabe der Gesundheitspolitik. Maria Michalk (CDU) fügte mit Blick auf die Opposition hinzu, sie könne verstehen, wenn grundsätzliche Bedenken vorgebracht würden. Allerdings werde die Zukunft der Gesellschaft vermutlich noch größere Umstellungen abverlangen. Sie warnte: "Wenn wir an den Gewohnheiten festhalten und uns nicht den Zukunftschancen öffnen, wird uns die Lebenswirklichkeit dazu zwingen." Das Gesetz bedarf der Zustimmung des Bundesrates. Der erste Ausbildungsjahrgang könnte dann 2018 starten.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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