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Ulrich Schmid: Technologien der Seele. Vom Verfertigen der Wahrheit in der russischen Gegenwartskultur.
Aschot Manutscharjan
Kurz rezensiert

Edition Suhrkamp, Berlin 2016; 386 S., 18 €

"Politische Stabilität" und "Wohlstand für Alle" - so lauteten die Zauberformeln der ersten beiden Amtsperioden Präsident Putins. Seit 2012 hat sich der Wind gedreht, Putin verzichtet seitdem auf die Modernisierung des Staates. Das meint zumindest Ulrich Schmidt, Professor für Kultur und Gesellschaft Russlands an der Universität St. Gallen. Da die Führung um die prekäre Lage der Bevölkerung wisse, habe der Präsident die Samthandschuhe abgelegt und die "Schrauben deutlich angezogen". Die Ursachen für den Kurswechsel und die ausgefeilten Methoden der russischen Staatspropaganda kann man in Schmidts perfekt recherchiertem Buch nachlesen.

Schmid ist nicht nur ein Kenner der russischen Kultur und Literatur, sondern auch ein genauer Beobachter des politischen Alltags und der Medienlandschaft. Er registriert auch kulturelle Ereignisse in der Provinz und integriert sie überzeugend in sein Bild einer "postmodernen Diktatur". Herausgekommen ist mehr als eine Putin-Kritik, sondern das detaillierte, auf russischen Quellen basierendes Porträt der Nation, die sich einmal durch ihre Literatur und ihre Intelligenzia definierte.

Schmidt hat Recht: Die Polittechnologen des Kremls setzen alles daran, eine "patriotische Anti-Intelligenzia" zu schaffen, um so den Druck auf die traditionell kritischen Bildungsbürger zu erhöhen. Akribisch listet der Autor die Repressionen seit 2012 auf. So beläuft sich beispielsweise die Strafe für die Teilnahme an einer nicht genehmigten Demonstration auf 300.000 Rubel (rund 4.000 Euro) pro Person! Und die "Beleidigung eines Vertreters der Macht" wird mit bis zu einem Jahr Gefängnis bestraft. Die renommierten, unabhängigen Soziologischen Institute in Moskau und St. Petersburg wurden von der Staatsanwaltschaft verwarnt, weil den Mächtigen der politische Inhalt der Publikationen nicht gefiel. Vielleicht erklärt dies, warum ein russischer Performance-Künstler auf extreme Weise gegen die politische Unterdrückung protestierte: Er nagelte seine Hoden am Roten Platz fest.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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