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Winfried Meyer:
Klatt."Hitlers jüdischer Meisteragent gegen Stalin"Metropol Verlag, Berlin 2015; 1.287 S., 49,90 €


Hitlers jüdischer Meisteragent gegen Stalin

Es ist ein außergewöhnliches jüdisches Schicksal im Nationalsozialismus, von dem der Historiker Winfried Meyer vom Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin in seinem großartigen Buch erzählt: Richard Kauder, der Sohn eines zum Katholizismus konvertierten österreichischen Militärarztes, rettete das Leben seiner Angehörigen dadurch, dass er für den deutschen Geheimdienst spionierte. Unter dem Decknamen "Klatt" organisierte er ein Agentennetzwerk in der Sowjetunion, das angeblich Quellen bis in die höchste Militärführung um Josef Stalin hatte. Die "listenreiche Selbstbehauptung Richard Kauders und der von ihm anderen Verfolgten gewährte Schutz" stellen "spezifische Formen von Zivilcourage" dar, verlautbarte die "Hans und Christine von Dohnanyi-Stiftung" über die Abenteuer des Agenten Klatt.

Winfried Meyer arbeitete mehr als zehn Jahre an seinem "Opus Magnum": Er forschte in europäischen, amerikanischen sowie russischen Archiven, um den Mythos von "Hitlers jüdischen Meisteragenten" und deren Quellen offenzulegen. Dabei heraus kam ein fast 1.300 Seiten umfassendes Handbuch, das grundlegende Informationen über die Tätigkeit der deutschen Geheimdienste, ihre administrativen Strukturen und Agentennetze, die Spione und ihre Familien, die Funkstellen und Regionalbüros während des Zweiten Weltkrieges enthält. Mehr noch: Auch das sowjetische Funk-Doppelspiel beschreibt der Autor, das die Wehrmacht mit strategisch unwichtigen Informationen fütterte. Besonders wertvoll sind die kritischen Quellenanalysen, darunter die Erinnerungen der deutschen Agenten, die nach dem Krieg versuchten, ihre Tätigkeit zu "entideologisieren". Sie legten den Grundstein der "Organisation Gehlen", dem späteren BND.

Auch wenn Meyers Abhandlung zuweilen an eine nie enden wollende Spionage-Fernsehserie erinnert, ist sie allen zu empfehlen, die sich im Detail über die insgesamt noch unbekannte Geheimdienstszene während dieser dunklen Jahre informieren wollen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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